Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst




Josef Liesler wurde als Sohn einer deutschen Familie am 19. September 1912 im kleinen Dörfchen Vidolice bei Kadan geboren. Schon in den 30er Jahren aber wählte er auch aus Ablehnung des deutschen Nationalismus im damaligen Sudetenland die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. In seiner Autobiographie "Adié Jolie" beschreibt er sein Verhältnis zu Deutschland mit einem Zitat von Klaus Mann:

"Německo mi bylo cizí a já jsem byl cizí Německu, ještě než se s ním definitivně rozloučil. Ať jsem se sebevíc obdivoval činům německého génia, ať mi byly sebesympatičtější určitě rysy a možnosti německého charakteru, nenadchl mě národ v podobě, do níž se vyvinul ... Nečitil jsem příslusnost k tomuto národu."
(Deutschland ist mir fremd und ich bin Deutschland fremd, obwohl ich mich nicht definitiv von ihm verabschiedet habe. Mag ich auch noch so viele Taten des deutschen Genius bewundern, mag ich selbst tatsächlich die sympathischsten Züge und die Möglichkeiten des deutschen Charakters haben, begeisterte mich die Nation nicht in der Form, zu der sie sich entwickelt hatte ... Ich fühlte keine Zugehörigkeit zu dieser Nation.)


Und etwas weiter schreibt er, wie sich während der Schulzeit in Karlsbad seine Beziehung zur tschechischen Lebensweise herausbildete und seine Distanz zu seinem Deutschtum: "Čitil jsem se dobře v atmosféru českého života, hlavně na karlovarském českém gymnáziu. A to byla v začátcích mého středoškolského života ve 'světových lázních' zavřená ulita s perlou v německo-sudeťáckém rybníku .... Když mi domov milovanou krajinu pod Doupovskými horami ukradli a zabavili nacisti se svým Hitlerem, jeho nohsledy Frankem a Henleinem, byl jsem najednou v exilu vlastní země." (Ich fühlte mich wohl in der Atmosphäre des tschechischen Lebens, hauptsächlich am tschechischen Gymnasium in Karlsbad. Und das war in den Anfängen meine Schullebens im 'Weltbad', ein geschlossenes Schneckenhaus mit der Perle des sudetendeutschen Fischteichs .... Als mir die Nazis mit ihrem Hitler und seinen Anhängern Frank und Henlein die Heimat mit der geliebten Gegend bei den Doupovský Bergen gestohlen hatten, war ich auf einmal im Exil im eigenen Land.)

Aber auch die überzeugte Hinwendung zur tschechischen Lebensweise ersparte dem größten lebenden tschechischen Maler nicht, nach dem Krieg das zu erleben, was viele Sudetendeutsche erleben mussten. Denn obwohl er sich immer zum tschechoslowakischen Staat bekannte, musste seine Familie und seine Verwandten nach dem Krieg wie viele andere Sudetendeutsche das Land verlassen und leben heute in Gießen. Er selbst entging der Vertreibung, weil er schon lange in Prag lebte, zur Zeit der Vertreibung seinen Militärdienst ableistete und natürlich auch weil er als Künstler am Ende des Kriegs bereits einen Namen hatte. Trotzdem glaubte er als ein relativ unpolitischer Mensch, der sich allein seiner Kunst widmete, in der sozialistischen Tschechoslowakei natürlich auf der richtigen Seite zu stehen. Ein wenig resignativ schreibt er daher als Resümmee am Ende des Abschnitts über das Kriegsende in seiner Autobiographie:

"Která část lidstva je vlastně ta lepší a která ta horší? Co jsem živ, tak zatím je to ta horší, a že jsem dosud živ, tak vlastně nechtěně patřím asi k té horší, i když si myslím, že nevím proč. Protože nemám odvahu se hnusu bránit, postavit se proti, když vím už předem, že svět nikdy nebude lepší do svého skonání? Oh, chceme toho a buďme rádi, že se pořád ještě rodí jedinci, kteří milují umění, žádají si ho a chtějí s ním na zemi přebývat."
(Welcher Teil der Menschheit ist eigentlich der bessere und welcher der schlechtere? Wofür ich lebe, ist inzwischen das Schlechtere, und da ich bis jetzt lebe, so gehöre ich eigentlich ungewollt wahrscheinlich zu den Schlechteren, auch wenn ich mir denke, dass ich nicht weiß warum. Weil ich nicht den Mut habe, dem Ekel Einhalt zu gebieten, sich dagegen zu stellen, obwohl ich schon vorher weiß, dass die Welt niemals besser wird bis zu ihrem Ende? Oh, wir wollen das und lasst uns froh sein, dass immer wieder einzelne geboren werden, die die Kunst lieben, sich hier hingeben und mit ihr auf dem Land überleben."


Sommernachtstraum
Nach dem Besuch des tschechischen Gymnasiums in Karlsbad ging er nach Prag und studierte Architektur und Kunst u.a. bei Cyril Bouda an der Hochschule für Architektur und Landschaftsbau. Mit seinen Werken ist er in verschiedenen Sammlungen der Nationalgalerie in Prag vertreten, aber auch in Galerien vieler weiterer Städte in der Tschechischen Republik und auch des Auslands. Sein 85. Geburtstag im Jahr 1997 war auch der Anlass, ihn mit einer großen Ausstellung seines Lebenswerks in Prag zu würdigen und als einen der großen lebenden tschechischen Künstler zu ehren, der auch im Ausland einen großen Namen hat. So ist Liesler nicht nur Mitglied der beiden bekanntesten Künstlervereinigungen der Tschechischen Republik, der Vereinigung der bildenden Künstler SVU MÁNES seit 1942 und der Hollar-Vereinigung der graphischen Künstler SČUG HOLLAR seit 1945, sondern auch Mitglied der königlich belgischen Akademie und der Kunstakademie von Florenz.

Im Mittelpunkt der Prager Ausstellung stand natürlich sein malerisches und graphisches Lebenswerk, das sich stilistisch im Umfeld eines surrealistischen Symbolismus bewegt. Man kann seinen Stil, der voller Imaginationen ist, als episch, dekorativ und äußerst detailreich charakterisieren, mit einem feinen Gefühl für menschliche Werte und Menschlichkeit.

Von Anfang an war er beeinflusst von seiner Bewunderung für alte Meister insbesondere von Dürer, El Greco, Velasquez, Goya oder Daumier. Außerdem ließ er sich sowohl von literarischen, musikalischen, historischen, aber auch religiösen Themen inspirieren. Ins weitere Bewusstsein gelangte er bereits im Jahre 1939 durch die Teilnahme an der ersten legendären Ausstellung der Gruppe "Sedm v řijnu" (Sieben im Oktober). So hatte sein Werk von Anfang an eine feste Verankerung in der jungen tschechischen Künstlergeneration der 40er Jahre. Diese Generation war bestrebt, durch ihr avantgardistische Schaffen in surrealistischem Stil die bedrückende Atmosphäre der deutschen Besatzung im Protektorat Böhmen und Mähren und des zweiten Weltkriegs zu reflektieren.

Technische Meisterschaft erlangte er in praktisch allen graphischen Techniken, auch weniger bekannten, u.a. Malerei, Holzschnitt, Litographien, Bildhauerei und graphische Illustrationen. Souveräne Linienführung, Sinn für dynamische Kompositionen und virtuoser Umgang mit naiver Malerei macht Josef Liesler zu einer ausdrucksvollen und unverwechselbaren Persönlichkeit.

Neben seinen Gemälden und Graphiken illustrierte Liesler mehr als 100 Buchtitel und schuf beinahe 100 Briefmarken der Tschechoslowakei und auch der Tschechischen Republik. Auf dieser Seite ist oben einer seiner Entwürfe als Linienzeichnung dargestellt und auf der "best of-Seite" ist eine kleine Auswahl seiner farbeprächtigen Marken zu sehen ist. Der typische Liesler-Stil macht auch diese Briefmarken unverwechselbar.

Noch in hohem Alter von fast 90 Jahren schuf er Briefmarkenentwürfe. Er starb am 23. August 2005 in Prag.