Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst

III.
Vratislav Hugo Brunner (1886-1928)

Osvobozená republika
(1920)

Osvobozena republika


Vratislav Hugo Brunner:
OSVOBOZENÁ REPUBLIKA

Ausgabetag: 20. Januar 1997, MiNr. 133
Graphische Aufbereitung: Jiří Rathouský
Stich: Bohumil Šneider
kombinierter Stahlstich- und Rastertiefdruck
Originalmarke: MiNr. 170, 18. Juni 1920
Mit einem einzigen Briefmarkenentwurf schrieb der Graphiker, Buchillustrator und Karikaturist Vratislav Hugo Brunner Briefmarkengeschichte. Mehr über V. H. Brunner und sein Werk auf einer extra Seite in dieser Galerie. Als Kunstprofessor unterhielt er an der Akademie in Prag eine Schule für Gebrauchsgraphik. Hier entwarf er u.a. Banknoten für die Tschechoslowakei.

Die erste Marke der Dauermarkenserie, die - benannt nach dem Motiv der Serie - in tschechischen Katalogen unter der Bezeichnung "Osvobozená Republika" (befreite Republik) zu finden ist, erschien im Jahre 1920 (MiNr. 170-180). Die Geschichte des Entstehens dieser Briefmarke unter dem Einfluss ihres damaligen Professors Kysela beschreibt Brunners Freund Jaroslav Benda in seinen Erinnerungen:

"Po válce nově organizovaný československý stát potřeboval umění na všech stranách a umělce na prvním místě. Byly soutěže a zadávky. .. Sbor vypsal soutěž na jedno místo. Kysela chtěl, abychom žádali oba, Vratislav Brunner i já. Nechtěl jsem, abychom se stali předmětem licitace. Řekl jsem Vratislavu Brunnerovi, že nebudu žádat, chce-li podat žádost on. Svěřil se, že platí otcovy dluhy, že místo a s ním spojený ateliér potřebuje. ... V tom roce pak byla vypsána užší soutěž na poštovní známku republiky. Porota rozhodla o dvou stejných cenách a o provedení Osvobození z okovů, Vratislav Brunner, Holubice a psaní, Jaroslav Benda. Současně jsem dostal cenu a provedení na návrh bankovky s hlavou Komenského. Po těch úspěších jsem byl jednomyslným sborem zvolen do čela třetí školy ..."
(Nach dem Krieg brauchte der neu organisierte tschechoslowakische Staat Kunst auf allen Gebieten und Künstler zu allererst. ... Das Kommitee schrieb eine Stelle (an der Hochschule) aus. Kysela wollte, dass wir uns beide bewerben, Vratislav Brunner und ich. Ich wollte nicht, dass wir Gegenstand einer Versteigerung wurden. Ich sagte zu Vratislav Brunner, dass ich mich nicht bewerben werde und ob er sich bewerben werde. Er vertraute mir an, dass er die Schulden seines Vaters abzahle, dass er eine Stelle und dazu noch ein Atelier brauche. ... In diesem Jahr wurde dann ein Wettbewerb für eine Briefmarke der Republik ausgeschrieben. Die Jury entschied für zwei gleiche Preise, und zwar für die Ausführung "Befreit aus Fesseln", Vratislav Brunner, und "Taube und Brief", Jaroslav Benda. Gleichzeitig erhielt ich den Preis und den Auftrag für einen Banknotenentwurf mit dem Kopf Komenskýs. Nach diesem Erfolg wurde ich einstimmig vom Kommitee an die Spitze der dritten Schule gewählt ...)


Allerdings war dies bereits der zweite Anlauf Brunners mit dem Motiv. Schon im Mai 1919 hatte die Postbehörde einen Wettbewerb für eine Briefmarke zum 1. Jahrestag der Staatsgründung ausgeschrieben und neben Brunner auch Jaroslav Benda, Vojtěch Hynais, František Kupka, František Kysela, Alfons Mucha und Jakub Obrovský zu einem Entwurf aufgefordert. Allerdings nahmen nur Brunner, Benda und Obrovský am Wettbewerb teil. Und obwohl Brunner mit dem Titel "1918" vor Bendas Entwurf "Marné vzetky" (Vergebliche Wut) gewann, wurden die beiden Motive des dritten Preisträgers Jakub Obrovský berücksichtigt und gingen als sog. "Legionärsmarken" in die Briefmarkengeschichte ein. Ende des gleichen Jahres fand ein weiterer Wettbewerb mit Brunner, Benda, Obrovský und Mucha statt und wieder gewann Brunner mit dem gleichen in Details veränderten Motiv (ohne Datumsangabe und mit gefülltem Hintergrund) den Wettbewerb. Auch die Motive der anderen drei Künstler aus diesem Wettbewerb (Bendas "Holubice", Muchas "Husita" und Obrovský "Hospodářství a věda") wurde später auf Briefmarken verwendet.

Von Brunners Motiv erschienen bis 1922 insgesamt 10 Wertstufen, z.T. mit unterschiedlicher Zähnung. V.H. Brunner wurde 1986 zu seinem 100. Geburtstag mit einer Gedenkmarke geehrt. Im selben Jahr erschien auch im Rahmen der alljährlichen Kunstserie "umění" seine Karikatur "Böhmischer Löwe in Ketten" (MiNr. 2889). Beide Ausgaben sind auf den Brunner-Seiten dieser Galerie zu finden.