Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst

Ferdinand Schirnböck * Czeslaw Slania * Philip Christian Batz


Meine Beschäftigung mit tschechischen und slowakischen Stechern brachte es natürlich auch mit sich, dass ab und zu auch ein Bezug zu anderen internationalen Stechern entstand. Und so ergab es sich zwangsläufig, dass diesen Stechern ebenfalls ein kleiner Abschnitt in dieser Galerie gewidmet werden soll. Um die Ausrichtung dieser Galerie auf tschechische und slowakische Stecher nicht zu verwässern, habe ich mich bewusst auf nur drei internationale Stecher beschränkt.

Als erster Stecher der kleinen Spezialabteilung mit internationalen Briefmarkenstechern soll hier einer vorgestellt werden, der zwar nie eine tschechoslowakische Briefmarke gestochen hat, trotzdem aber mit Sicherheit großen Einfluss auf die Entwicklung der Stecherkunst in der 1918 neu gegründeten Tschechoslowakei ausübte - der größte österreichische Stecher

FERDINAND SCHIRNBÖCK (1859-1930)

Ferdinand Schirnböck wurde am 27. August 1859 im niederösterreichischen Hollabrunn geboren und lernte sein Handwerk am Gewerbemuseum in Wien und später in einer Spezialklasse für Kupferstecher an der Wiener Kunstakademie.

Wie viele bekannte Kupferstecher zog es auch ihn immer wieder in die Ferne und so begann seine Karriere im fernen Argentinien, wo er ab 1886 sechs Jahre lang in der Wertzeichendruckerei in Buenos Aires Banknoten und Postwertzeichen entwarf und den Kupfer- und Stahlstich durchführte. Im Jahre 1892 kehrte er nach Wien zurück und war seitdem als Stecher von Banknoten an der Österreichisch-Ungarischen Bank, der späteren Österreichischen Nationalbank, und in der Folge von Briefmarken für die Staatsdruckerei tätig.

Berühmt wurde er im Jahre 1906 als er eine von Koloman Moser entworfene Briefmarkenserie mit Landschaftsbilder für Bosnien-Herzegowina stach. Viele bezeichnen diese Briefmarkenausgaben als Revolution in der Briefmarkenkunst, weil hier erstmals künstlerische Aspekte gegenüber den bis dahin geltenden staatlichen und politischen Aspekten bevorzugt wurden. Das Beispiel einer Linienzeichnung aus diesem Satz ist unten zu sehen. Bald danach im Jahre 1908 folgte die Serie zum 60. Thronjubiläum Kaiser Franz Josefs I., dessen Porträtauffassung nach allgemeiner Meinung Vorbild für Max Švabinskýs Briefmarke mit dem Porträt T. G. Masaryks im Jahr 1920 war. Desöfteren besuchte er seinen Freund Švabinský in Prag und beeinflusste diesen stark in seinen künstlerischen Vorstellungen für die von diesem verantworteten tschechoslowakischen Briefmarken. Als sicher kann auch gelten, dass Schirnböck Švabinský bei seiner Arbeit an einer 100-Kronen-Banknote der Tschechoslowakei unterstützte (Ausführlicheres zur Geschichte dieser Banknote in der Banknotenabteilung der Galerie). Zeitweise prüfte er auch in der Staatsdruckerei die Bewerbungsstiche junger Künstler. Insofern kann Schirnböck auch als einer der geistigen Väter der tschechoslowakischen Briefmarkentradition gelten, die in den 20er Jahren ihren Anfang nahm.


Kaiser Franz Josef
Briefmarke der Tschechoslowakei (MiNr. 97) mit dem Aufdruck "POŠTA ÈESKOSLOVENSKÁ 1919" auf einer als Portomarke verwendten unveröffentlichten Marke Österreichs

Entwerfer: Rudolf Junk
Stecher: Ferdinand Schirnböck

Es gibt kaum einen zweiten österreichischen Künstler, der derart viele Marken für das fernste Ausland entworfen und gestochen hat wie Ferdinand Schirnböck. Er arbeitete an Stichen für Briefmarken in Portugal, Russland und der Türkei, daneben für Albanien, Bulgarien, Norwegen, Schweden, den Vatikan und sogar für Siam. Von Ferdinand Schirnböck stammt auch die erste eigene Briefmarke des Fürstentum Liechtenstein. In Österreich fand er bald mit Koloman Moser einen kongenialen Partner, der die Entwürfe und Vorlagen für seine Stiche lieferte. Viele der vom Doppelgespann Schirnböck-Moser stammenden Briefmarken zieren die Alben der von Österreich-Sammlern. Mit Kolo Moser begründete er als erstes Malerstecherpaar den in aller Welt anerkannten künstlerischen Ruf der österreichischen Briefmarken.

Schirnböck hatte einen unbändigen Arbeitswillen. Obwohl er infolge eines Arbeitsunfalles in jüngeren Jahren auf dem linken Auge blind war, ließ er sich doch dadurch nicht von seiner leidenschaftlichen Arbeit mit dem Stichel abhalten. Er starb am 16. September 1930 in seinem Haus in Perchtoldsdorf bei Wien.

Markenstiche Ferdinand Schirnböcks für Österreich,
die in der Tschechoslowakei mit "POŠTA ÈESKOSLOVENSKÁ 1919" überdruckt wurden:

MiNr. 74-80, 92-97


Vielen Dank an Manfred Görgen für seine Unterstützung mit Informationen.