Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst



PROTEKTORAT



Im März 1939 besetzte Hitler die sogenannte Rest-Tschechei und ab sofort wurden auch die Arbeit an Banknoten und Postwertzeichen in der Staatsdruckerei in Prag von den deutschen Besatzungsbehörden beeinflusst und bestimmt. Jindra Schmidt blieb weiterhin Angestellter dieser Institution und aus dieser Zeit stammt auch das von Jindra Schmidt gestochene Selbstporträt von 1943, das unten abgebildet ist.

Obwohl die tschechischen Quellen über Jindra Schmidts Tätigkeit für die deutsche Postverwaltung während der Zeit des Protektorats meist nicht sehr viel berichten, dürfte klar sein, dass er als Angestellter der Staatsdruckerei seine Aufträge ausführte, wie man es von ihm erwartete. So erschienen neben der auf der vorigen Seite gezeigten Hitler-Marke im Protektorat weitere Ausgaben, die von Jindra Schmidt gestochen waren, u.a. eine Ansicht des Prager Veitsdoms und eine Dauermarke mit dem Porträt Hitlers. Auch Banknoten des Protektorats wurden von ihm gestochen (siehe unten). Jindra Schmidt war sicherlich kein besonders politischer Mensch und schon gar kein Widerstandskämpfer. Er war Künstler - oder noch besser Handwerker - der seinen Beruf ausübte, egal welches politisches Regime ihm den Auftrag gab. Er war sicher auch keiner, der sich absichtlich mit der nationalsozialistischen Besatzungsmacht anlegte, auch wenn es ab und zu Konflikte mit ihr gab.

In tschechischen Quellen wird für diese Konflikte vor allem ein Vorgang aus dieser Zeit immer wieder herangezogen, bei dem es um die Banknoten ging, die als Zahlungsmittel im Konzentrationslager Theresienstadt (Terezín) eingeführt wurden und von denen oben ein Beispiel abgebildet ist. Zunächst ein Zitat aus einer Biographie über Jindra Schmidt von 1971, das den Vorgang folgendermaßen beschreibt:

"Ménì pøíjemná byla pro Jindru Schmidta výtvarná práce na poukázkách, vydaných v nìkolika hodnotách, které Židé místo penìz dostávali v terezínském ghettu. Tento úkol byl správou banky pøenesen na Jindru Schmidta, který na svùj návrh nakreslil ušlechtilou hlavu Mojžíše, ukazujícího Desatero. Nacistùm se však kresba nelíbila, vytýkali jí idealizaci a banku donutili, aby u autora vynutila zmìnu tváøe a zdùraznìní odpuzujících rysù. Ještì dnes Jindra Schmidt vzpomíná na tyto mìsíce nerad."

(Weniger angenehm war für Jindra Schmidt die Arbeit an Zahlscheinen, ausgegeben in mehreren Wertstufen, welche die Juden anstelle von Geld im Ghetto von Theresienstadt erhielten. Dieser Auftrag wurde durch die Verwaltung der Bank an Jindra Schmidt gegeben, der für seinen Entwurf einen edlen Kopf des Moses zeichnete, wie er auf die Tafel mit den 10 Geboten zeigt. Den Nazis aber gefiel die Zeichnung nicht, sie hielten ihn für idealisiert und forderten die Bank auf, beim Autor eine Veränderung des Gesichts und eine Hervorhebung abstoßender Züge zu erzwingen. Noch heute erinnert sich Jindra Schmidt ungern an diese Monate.)

Ein Studium weiterer Quellen lässt jedoch vermuten, dass diese - Jindra Schmidt idealisierende - Schilderung der Vorgänge nicht ganz korrekt sein dürfte. Bereits wenige Jahre später wird in einer anderen tschechischen Publikation das Ganze weit sachlicher beschrieben:

"Jednou z mnoha ryteckých prací J. Schmidta na papírových platidlech, byla i tvorba 'Terezínských potvrzenek' jimiž chtìli Nìmci svìtu prokázat, že v koncentraèním táboøe Terezín vìzòové pracují a jsou dokonce odmìòování 'penìzi'. Proto v roce 1942 došel do Tiskárny bankovek v Praze pøíkaz z úøadu reichsprotektora k provedení grafického návrhu na poukázky - 'Quittungen'. J. Schmidt, kterému byla práce pøikázána, byl nucen nìkolikrát návrh pøepracovat a ani koneèný návrh se ještì nelíbil, pro stále pøíliš oduševnìlý výraz Mojžíše. Nìmci se též obávali jinotaje na desateru a proto musela Univerzitní knihovna poøidit doslovný pøeklad."

(Eine der vielen Stecherarbeiten J. Schmidts für Banknoten war auch eine Arbeit "Theresienstadt-Quittungen", mit denen die Deutschen der Welt zeigen wollten, dass im Konzentrationslager Theresienstadt die Häftlinge arbeiten und und schließlich mit 'Geld' entlohnt werden. Daher ging im Jahr 1942 an die Banknotendruckerei in Prag der Auftrag aus der Behörde des Reichsprotektors zur Ausführung eines graphischen Entwurfs für Berechtigungsscheine - 'Quittungen'. Jindra Schmidt, dem die Arbeit zugewiesen wurde, wurde einigemale veranlasst, den Entwurf umzuarbeiten und nicht einmal der endgültige Entwurf für das immer noch ziemlich beseelte Gesicht des Moses fand Gefallen. Die Deutschen befürchteten auch die Allegorie der 10 Gebote und daher musste die Universitätsbibliothek eine wortgetreue Übersetzung anfertigen.)

Auch eine weitere Quelle beschreibt einen eher normalen Vorgang, der in dieser Zeit offenbar nicht ungewöhnlich war. Zunächst aber die Fakten: Nach der Einrichtung des Vorzeige-Konzentrationslagers Theresienstadt (Terezín) kündigte die deutsche Besatzung Ende 1942 an, dass das Lager am 1. Januar 1943 auch eigenes Geld bekommen sollte. Die Bank des Konzentrationslagers bekam am 21. April 1943 Banknoten im Nominal-Wert von insgesamt 53 Millionen Theresienstadt-Kronen in den Wertstufen 1, 2, 5, 10, 20, 50 und 100 Kronen. Offiziell als Zahlungsmittel gültig war das Geld vom 12. Mai 1943 an. Es war aber letztlich wertloses Papier, konnte es doch tatsächlich lediglich in der Bücherei des Lagers als Zahlungsmittel genutzt werden. Fest steht auch, dass nicht Jindra Schmidt der Entwerfer der Banknote war, sondern der Prager Künstler und Schriftsteller Peter Kien, der 1919 in Varnsdorf geboren wurde. Als 22jähriger wurde er Ende 1941 nach Theresienstadt deportiert und starb vermutlich 1944 in Ausschwitz. Von ihm stammt das Libretto zu der von Viktor Ullmann (1898-1944) komponierten Oper "Der Kaiser von Atlantis", die desöfteren in Theresienstadt aufgeführt wurde. Auf einer Internet-Seite des Simon Wiesenthal Centers, die sich mit dem Geldwesen im Holocaust beschäftigt, wird die Auseinandersetzung um das Moses-Porträt auf dem Geldschein folgendermaßen beschrieben:

"When Kien initially submitted his designs to Reinhard Heydrich, they were rejected. Because Heydrich objected to the fact that Moses looked too Aryan, the notes were modified to show Moses with more strongly stereotyped Semitic features; the design had to conform to the Nazi vision of Jewish appearance. The final design shows Moses with a long hooked nose and curly hair. Heydrich also demanded that the hand of Moses cover the commandment that stated 'Thou shalt not kill'. ... The printing contract was given to Bedrich Potasek, a graphic designer, and then to Jindra Schmidt, a distinguished engraver of Czech banknotes, postage stamps, and fiscal papers."

(Als Kien seine Entwürfe erstmals Reinhard Heydrich vorlegte, wurden sie abgewiesen. Weil Heydrich der Meinung war, dass Moses zu arisch ausschaute, wurden die Banknoten geändert, um Moses mit mehr semitischen Zügen zu zeigen; der Entwurf hatte den Nazi-Vorstellungen von einem jüdischen Erscheinungsbild zu entsprechen. Das endgültige Bild zeigt Moses mit langer Hakennase und lockigem Haar. Heydrich forderte auch, dass die Hand von Moses das Gebot "Du sollst nicht töten!" abdeckt. ... Der Druckauftrag wurde an Bedøich Potášek, einen Graphikdesigner, gegeben, und dann an Jindra Schmidt, einen ausgezeichneten Stecher tschechischer Banknoten, Briefmarken und Fiskalpapieren.)

Nach dieser Darstellung ging also der Auftrag an die Staatsdruckerei offenbar erst, nachdem Heydrich bereits seine Vorstellungen durchgesetzt hatte. Demnach hätte Schmidt den Entwurf lediglich ausgeführt und wäre an der Auseinandersetzung um das Moses-Porträt überhaupt nicht beteiligt gewesen. Dafür spricht auch, dass der Auftrag zunächst an einen anderen Graphiker ging. Allerdings dürfte hier dem Autor des obigen Zitats ein Irrtum beim Namen unterlaufen sein. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei dem Graphiker um Bedøich Fojtášek (nicht: Potášek) handeln dürfte, Schmidts Kollegen in der Druckerei, der verschiedene Banknoten der Tschechoslowakei und auch die Theresienstadt-Briefmarke gestochen hat. Innerhalb der Staatsdruckerei wurde dann aber offenbar Jindra Schmidt mit der Ausführung betraut. Wahrscheinlicher ist aber, dass beide unter der Verantwortung von Schmidt gemeinsam an Entwurf, Linienzeichnung und Stich gearbeitet haben. An den beiden oben abgebildeten Linienzeichnungen des Moses sind die Veränderungen gut nachzuvollziehen: links der ursprüngliche, rechts der geänderte Entwurf.


Zahlungsmittel im Konzentrationslager Theresienstadt (1943)
entworfen von Peter Kien (geboren 1919 in Varnsdorf, ermordet 1944 in Auschwitz)
gestochen von Jindra Schmidt

Natürlich kam es immer wieder einmal zu Unstimmigkeiten mit den deutschen Besatzungsbehörden, die für die offiziellen Wertzeichen, v.a. für die Banknoten, die Zensur ausübten. So mussten Schmidt und Švabinský beispielsweise Änderungen an den Entwürfen für eine Banknote vornehmen, auf dem die allegorische Figur der Republik eine Jakobinermütze tragen sollte. Da dies den Nazis zu revolutionär erschien, wurde die Figur mit offenen Haaren dargestellt. Insgesamt aber arbeitete Schmidt normal weiter. So war er auch am Entstehen von Banknoten der jetzt unabhängigen Slowakei beteiligt, für die er z.T. eigene Entwürfe vorlegte bzw. Entwürfe des slowakischen Künstlers Štefan Bednár stach.

Titelseite * Einleitung * Anfänge * Protektorat * Routine * Höhepunkt * Umìní * Stich * Briefmarken
Das Bild der Banknote aus Theresienstadt wird verwendet mit freundlicher Genehmigung aus Ron Wise's World of Paper Money