Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst




PRAHA I
Landschaften


1924: Seizingers Heimatstadt Hildburghausen ist nach der Auflösung der kleinen Herzogtümer in Deutschland Teil des neuen Landes Thüringen geworden. Nach dem gescheiterten Putschversuch in München wird Hitler zu einer Festungshaft in Landsberg verurteilt.
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"Stravil jsem v Praze nejlepší léta svého života, našel jsem v pražském prostøedi
svou pracovní a tvùrcí rovnováhu a teprvé práce na èeskoslovenské známce
mi pomohla uvìdomit si své rytecké možnosti a schopnosti."

(Ich verbrachte in Prag die besten Jahre meines Lebens, ich fand im Prager Umfeld
mein schöpferisches und künstlerisches Gleichgewicht und erst die Arbeit an einer tschechoslowakischen
Briefmarke half mir, mir meiner stecherischen Möglichkeiten und Fähigkeiten bewusst zu werden)
Karl Seizinger

Den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffen erreichte Karl Seizinger bereits auf seiner zweiten beruflichen Station in der Tschechoslowakei. Noch heute besitzt er dort ein ausgesprochen hohes Ansehen. Im Jahr 1924 übersiedelte Seizinger von Helsingfors nach Prag, um eine Anstellung als Stecher bei der Nationalbank der Tschechoslowakei zu übernehmen. Zunächst stach er dort wie in Finnland ebenfalls Banknoten, z.B. eine, der ein Entwurf von Alfons Mucha zugrunde lag. Seinen ersten Auftrag für Briefmarkenstiche erhielt er für die Marken der Dauermarkenserie "Hrady, mìsta, krajiny" (Burgen, Städte, Landschaften), Themen und Motive, die ihm ganz besonders lagen wie die weiter unten dargestellten Seizinger-Zitate belegen. Die ersten Ausgaben dieser Dauermarkenserie erschienen am 1. Juni 1926 und wurden wie auch seine späteren Stiche sowohl von den Sammlern als auch der philatelistischen Fachpresse begeistert aufgenommen. So schrieb beispielsweise die Zeitschrift "Die Briefmarke" über Seizinger im Jahr 1929:

"Briefmarken sind die Visitenkarten eines Staates. Die gegenwärtigen Visitenkarten der Tschechoslowakischen Republik gehören mit zu den schönsten der Welt. Das Verdienst daran gebührt in erster Reihe dem Schöpfer Karl Seizinger, nicht zuletzt aber auch jenen weitblickenden Faktoren in der Tschechoslowakei, welche es, frei von aller Engherzigkeit, verstanden haben, einen so hervorragenden Künstler ins Land zu rufen und ihn mit der Herstellung der staatlichen Wertzeichen zu betrauen."

Bis zum Jahr 1934 stach Karl Seizinger sämtliche Briefmarkenausgaben der Republik, unter ihnen auch das hier abgebildete Motiv der Prager Burg, das er nach einer Vorlage des bekannten tschechischen Graphikers T. F. Šimon ausführte. Wie Seizinger selbst seine Arbeit an dieser Briefmarke sah, sollen die folgenden Zitate etwas beleuchten.



Hrad

HRADÈANY A KARLÙV MOST V PRAZE
(Hradschin und Karlsbrücke in Prag)

Linienzeichnung von Karl Seizinger
ausgestellt im Stadtmuseum Hildburghausen


Karluv most

Originalbriefmarke nach einem Entwurf von T. F. Šimon
Ausgabedatum: 19. Oktober 1926, MiNr. 253
Zitate von Karl Seizinger
über das Stechen von Städtebilder und Landschaften
(u.a. zur nebenstehenden Marke)

alle Zitate aus dem Begleitheft des Stadtmuseums Hildburghausen
zur kleinen Ausstellung über Karl Seizinger

"Für Städteansichten und Landschaften hatte ich immer eine besondere Vorliebe, habe ich doch mehr als 65 Briefmarken graviert und darüber hinaus eine Vielzahl Entwürfe."

"Einmal hatte ich das Prager Panorama mit dem Hradschin zu gravieren. Die Ansicht zeigte mehr als 100 Fenster, eine Vielzahl an Nebengebäuden und Schornsteinen, die bei einer Verkleinerung die optische Harmonie gestört hätten. Ich gravierte etwa 30 Fenster und weniger Gebäude, der Gesamteindruck blieb trotz der Reduzierung erhalten. Der Graveur hat also die gleiche Aufgabe wie ein Dirigent, der ein Orchester zusammenhalten muss, damit es, fein abgestimmt, zur vollen Wirkung kommt."

"Wenn ich eine Landschaft graviere, fange ich bei den am weitesten entfernten Partien an. Damit eine plastische Wirkung entsteht, werden die Gebäude, Gebirge usw. immer stärker. Je feiner die entferntesten Partien und je tiefer der Vordergrund gestochen werden, desto plastischer, effektvoller ist die Wirkung. Die Perspektive muss im wahrsten Sinne des Wortes erfühlt werden. Es gibt Landschaften, die wirken bleich, weil Vorder- und Hintergrund gleichsam dünn gestochen sind, diese haben dann die Wirkung einer grauen Bleistiftzeichnung. Luft und Wolken bereiten große Mühen, müssen doch alle feinen und unterbrochenen Linien mit freier Hand gestochen werden."

Seizinger identifizierte sich sehr stark mit dem Land, das es ihm ermöglichte, seinen Lebenstraum zu erfüllen. Durchwegs signierte er seine Stiche mit der tschechischen Version seines Vornamens "Karel". Ab dem Jahr 1934 bekam er dann mit Bohumil Heinz einen Stecherkollegen und gleichzeitig Rivalen zur Seite, mit dem er sich bis zum Ende der Tschechoslowakei im Stechen der tschechoslowakischen Briefmarken abwechselte. Eine Gesamtaufstellung von Seizingers Briefmarken können Sie auf einer extra Seite finden. Unmittelbar nach dem Münchener Abkommen im Herbst 1938 verließ Seizinger die Tschechoslowakei. Über die verschiedenen Gründe, die ihn zu diesem Schritt bewogen, wird auf einer der folgenden Seiten ausführlich geschrieben. Er selbst beschreibt sein Verlassen des Landes in seiner Bewerbung für "Joh. Enschedé en Zonen" relativ neutral und ohne politische Wertung folgendermaßen:

"Als Hitler den Vorstoß nach der Tschechoslovakei vornahm, verließ ich Prag freiwillig, um nicht für das Protektorat zu arbeiten ... Politisch habe ich mich nicht betätigt, auch gehörte ich nicht der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen an."

Welche Ironie der Geschichte, dass gerade die Verantwortlichen der deutschen Postverwaltung im nun gegründeten Protektorat "Böhmen und Mähren" drei der vielen Stiche Seizingers, die bei der Staatsdruckerei in Prag vorlagen, so gut fanden, dass sie diese übernahmen, mit einem neuen Rahmen sowie der Landesbezeichnung "Böhmen und Mähren" umgravieren ließen und als Postwertzeichen in den Verkehr brachten. Interessanterweise wird aber - aus welchen Gründen auch immer - Seizingers (verstecktes) Stecherzeichen "S" von der Briefmarke entfernt (mehr zu der Besonderheit von Seizingers Stecherzeichen auf der Seite "Belgrad").

Obwohl er sich dem Land so eng verbunden fühlte, kehrte Seizinger nach dem Krieg nur noch einmal in die nun kommunistische Tschechoslowakei zurück, im Alter von bereits 85 Jahren. Während des Besuchs entstand ein Photo, das Vorlage für die Seizinger-Gedenkmarke von 1983 war. Ein Grund für den relativ späten Besuch in der Tschechoslowakei dürfte auch gewesen sein, dass nach seinem Verlassen des Landes dort eine Diskussion geführt wurde, die ihm in keiner Weise gerecht wurde. In manchen Veröffentlichungen unterstellte man ihm, dass er durch sein freiwilliges Weggehen "seine" Tschechoslowakei, der er so viel zu verdanken hatte, in einer schwierigen Zeit im Stich gelassen habe. Auch wurde seine künstlerische Rivalität mit Bohumil Heinz quasi zu einer symbolhaften Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen hochstilisiert, was sie niemals war. Vor allem vergisst man dabei, dass der Deutsche Seizinger - soweit seine Angaben stimmen - das Land verließ, um nicht für das Protektorat arbeiten zu müssen, während der Tscheche Heinz problemlos Aufträge der deutschen Postverwaltung im Protektorat ausführte.

Noch heute aber - und wieder verstärkt in den letzten Jahren - wird Karl (bzw. Karel) Seizinger neben Bohumil Heinz als der größte und beste Stecher tschechoslowakischer Briefmarken angesehen, auch wenn in früheren Zeiten manchmal die nationale tschechische Sichtweise seinen Rivalen Heinz überhöhte und ihn letztlich stolz zum "Sieger" über Seizinger erklärte:

"V soutìži mezi pøísnou úèelnosti každého zásahu Heinzova rydla a tak trochu bohémskými improvizacemi Seizingera nemohlo býti pochybnosti o koneèném Heinzovì úspìchu."

(Im Wettbewerb zwischen der strengen Zweckmäßigkeit jedes einzelnen Eindrucks eines Heinzschen Striches und der ein wenig bohemistischen Improvisation Seizingers konnte es keinen Zweifel geben über den letztlichen Erfolg von Heinz)
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