Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst



HAARLEM


1948: Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschärfen sich die Spannungen zwischen Ost und West. Seizinger Heimatstadt Hildburghausen liegt jetzt in der sowjetischen Besatzungszone. Die Teilung Deutschlands beginnt sich abzuzeichnen. In der Tschechoslowakei übernehmen die Kommunisten unter Klement Gottwald die Macht.
Nachdem Seizinger 1947 wieder in seine Heimatstadt Hildburghausen zurückgekehrt war, begann er, von hier aus die letzte Etappe seiner beruflichen Karriere in Angriff zu nehmen. Das Land Thüringen, zu dem Hildburghausen gehörte, war Teil der sowjetischen Besatzungszone geworden. Zwar gab es noch die sog. "grüne Grenze", über die man relativ problemlos in die westlichen Zonen Deutschlands gelangen konnte. Die zunehmenden Spannungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion ließen aber schon eine Vorahnung der künftigen Teilung Deutschlands aufkommen. Seizingers auch jetzt noch vorhandener Wunsch, im Ausland tätig zu sein, seine schlechte finanzielle Situation, aber vermutlich auch seine Vorahnung, erneut von den politischen Verhältnissen in seinen künstlerischen Vorstellungen behindert zu werden, dürften die Gründe dafür gewesen sein, dass er sich entschloss, am 11. Juli 1947 den folgenden Brief an die Firma "Enschedé en Zonen" in Haarlem/Niederlande zu schreiben:

Sehr geehrte Herren! Erlaube mir die höfliche Anfrage, ob Ihr wertes Institut Interesse an der Mitarbeit eines erstklassigen Kupfer- und Stahlstechers für Briefmarken und Banknoten hat. Meine Arbeiten auf diesem Gebiete dürften Ihnen wohl bekannt sein. Ich habe einen grossen Teil der tschechoslovakischen Briefmarken und später solche für Jugoslavien und Kroatien gestochen. Diese wurden auf vielen internationalen Ausstellungen mit den höchsten Preisen ausgezeichnet. Durch den vorauszusehenden Zusammenbruch des "Dritten Reiches" wurde ich leider wieder nach 30-jähriger erfolgreicher Auslandsarbeit nach Deutschland verschlagen und mein Wunsch ist, wieder für das Ausland zu arbeiten und noch lieber dorthin zu gehen. Ich möchte diese schwere Kunst noch nicht aufgeben und vielleicht fände sich eine Möglichkeit, sie für Ihr Haus zu verwerten. Politisch bin ich völlig unbelastet. Ihrer geschätzten Antwort sehe ich gerne entgegen. Mit vorzüglicher Hochachtung!
Karl Seizinger

Bei der Firma Enschedé stieß Seizingers Bewerbung auf offene Ohren, nicht zuletzt deswegen, weil sie zu dieser Zeit von ehemals vier Stechern nur noch einen einzigen beschäftigte. Besonders suchte man einen erstklassigen Stecher, der die anspruchsvolle Arbeit an Banknoten bewältigen konnte, wie die baldige Antwort der Firma vom 24. Juli 1947 mit dem Aktenzeichen K.1733 ADH/Ek zeigt:

Sehr geehrter Herr Professor,
Mit sehr vielem Interesse haben wir von Ihrem Schreiben vom 11.d.M., sowie von der hinzugefügten Musterbriefmarke Kenntnis genommen. Wir waren betr. Ihrer Fähigkeiten auf diesem Sondergebiete der graphischen Technik bereits im Bilde, möchten jedoch gerne von Ihnen vernehmen, ob Sie ebenfalls imstande wären auch sehr umfängliche Werkstücke, wie z.B. Banknoten, zu stechen. Bejahendenfalls würden wir es sehr schätzen, wenn Sie uns Muster derartiger Arbeiten überlegen könnten. Da wir jedoch befürchten, dass die Übersendung bei den heutigen Devisenbestimmungen auf Schwierigkeiten steuern wird, würden für diesen Zweck auch Fotografien hinreichend sein. Wir könnten momentan eine Kraft wie Sie besonders gut in unsern Arbeitsplan aufnehmen und möchten Sie daher bitten uns über einige Einzelheiten näher zu erkundigen, und zwar betr. Ihres Zivilstandes und betr. der etwaigen Möglichkeit nach Holland zu übersiedeln. Ihren diesbezüglichen Nachrichten sind wir gerne baldmöglichst gewärtig. Hochachtungsvoll Joh. Enschedé en Zonen Grafische Inrichtung N.V.

Die Anstellung und auch die notwendige Übersiedlung Seizingers in die Niederlande war aber nicht problemlos. Mit Seizingers ausführlichem Antwortbrief vom 26. August 1947 (aus dem auf den Seiten mehrfach zitiert wird) setzte ein langwieriges Verfahren mit einem umfangreichen Schriftverkehr ein. Da Seizinger in der sowjetischen Zone wohnte, wurde dieser Schriftverkehr meist über eine Kontaktperson mit dem Namen "Hildegard v. Keil" und einer Deckadresse in der Seidmannsdorferstraße 32b im nahen bayrischen Coburg abgewickelt. Eine weitere Verzögerung ergab sich dadurch, dass Seizinger darauf bestand, seine Frau Elisabeth nicht in den unsicheren Verhältnissen des beginnenden Kalten Kriegs in der sowjetischen Zone zurücklassen zu müssen, so dass auch für ihre Übersiedelung nach Holland eine Aufenthaltsgenehmigung besorgt werden musste. Bei den Behörden in Holland und Deutschland wurden schließlich die verschiedensten Genehmigungen eingeholt, insbesondere auch eine über die politische Unbedenklichkeit Seizingers bei den amerikanischen und englischen Militärbehörden in Deutschland. Am 2. Februar 1948 traf Seizinger dann zu einem ersten Aufenthalt in Haarlem ein, wo er ein Zimmer im Hotel "De Leeuwerik" in der Kruisstraat 30 bewohnte. Am 24. Februar kehrte er aber wieder nach Deutschland zurück, um sich um seine Frau zu kümmern. Es dauerte dann noch bis zum 21. Mai 1948, ehe Seizinger seinen Dienst in Haarlem antreten konnte. Sein anfängliches Grundgehalt betrug 450 holländische Gulden zuzüglich Sonderzuschläge für Briefmarken und Banknoten, die individuell für jeden Auftrag festgelegt wurden.



16. KONGRESS FÜR KUNSTGESCHICHTE
Briefmarkenstich von Karl Seizinger
für die Postverwaltung Portugals
Entwurf: Jaime Martins Barata (1899-1970)
Ausgabetag: 20. Dezember 1949, MiNr. 738
gedruckt bei Joh. Enschedé en Zonen
Haarlem/NL


UN-GEBÄUDE IN NEW YORK
Briefmarkenstich von Karl Seizinger
für die UN-Postverwaltung New York
Entwurf: Leon Helguera
Ausgabetag: 24. Oktober 1951, MiNr. 2
gedruckt bei Joh. Enschedé en Zonen
Haarlem/NL


In Haarlem wohnte Seizinger in der Straße Schotersingel 57. Dort fertigte er seine Aufträge, die er von der Firma erhielt. Hauptsächlich waren dies Aufträge für Banknoten, insbesondere solche die von dem Bankinstitut "De Javasche Bank" kamen. Hier wurden in erster Linie Banknoten für die holländischen Kolonien Niederländisch Antillen, Curacao oder Indonesien benötigt, aber auch für Syrien oder Neuguinea. Aufträge für Briefmarkenstiche waren eher selten, was er sehr bedauerte: eine Ausgabe für Portugal (mit zwei Werten, MiNr. 738/739) und ein Stich für die Vereinten Nationen in New York (beide Ausgaben siehe oben). Es war dies die zweite Briefmarke der kurz zuvor gegründeten UN-Postverwaltung und Seizingers letzte Briefmarkenarbeit. In einem Artikel der Zeitschrift "JORNAL FILATÉLICO" wurde seine Arbeit für die portugiesische Post im Jahr 1957 gewürdigt.

Karl Seizinger beendete sein Berufsleben am 31. März 1961 wenige Tage nach seinem 72. Geburtstag. Kurz danach erhielt er auf der Briefmarkenausstellung in Barcelona noch einmal eine hohe Auszeichnung, die sein gesamtes künstlerisches Lebenswerk würdigte. Bis zu seinem Tod lebte er weiterhin in seinem Haus in Haarlem. In Holland und international war er ein begehrter Gast, der in Vorträgen aus seinem reichen Erfahrungsschatz berichtete. Zeitweise vermittelte er auch seine Erfahrungen dem künstlerischen Nachwuchs. Karl Seizinger starb im hohen Alter von 89 Jahren am 4. Mai 1978 im St. Joannes de Deo Krankenhaus von Haarlem in der Maerten van Heemskerkstraat 2 und wurde am 9. Mai auf dem Nordfriedhof am Vergierdeweg begraben.

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Am Ende der Abteilung zu Karl Seizinger gilt mein ganz besonderer Dank Herrn Johan de Zoete, Curator der Firma Joh. Enschedé en Zonen in Haarlem/Niederlande. Er stellte mir aus den Archiven von Karl Seizingers letztem Arbeitgeber eine Fülle von Dokumenten zur Verfügung, aus denen auf den vorausgegangenen Seiten mehrfach zitiert wurde, die ich aber (da sie meist in holländischer Sprache sind) noch nicht vollständig auswerten konnte. Ich hoffe aber, bald weitere Informationen hier veröffentlichen zu können. Vielen Dank, Herr de Zoete!