Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst



BRNO '74


1974: Sechs Jahre nach der Niederschlagung des sog. "Prager Frühlings" im Jahr 1968 lockern sich die Spannungen zwischen Ost und West durch die deutsche Ostpolitik wieder und 15 Jahre später im Jahr 1989, genau 100 Jahre nach Seizingers Geburt endet durch den Fall der Mauer in Berlin und durch die sog. "Samtrevolution" in Prag der Ost-West-Konflikt. Durch die Wiedervereinigung Deutschlands wird Seizingers Heimatstadt Hildburghausen Teil der Bundesrepublik.
"Již jen jedenkrát se do Èeskoslovenska vrátil. Byl hostem Celostátní výstavy poštovních známek BRNO 1974, ve vìku pìtaosmdesáti let èilý a usmìvavý. Rozpomínal se na èeská slova i vìty. Tìšil se, že pøijede opìt, a to na svìtovou výstavu PRAGA 1978. Toho se již nedožil ... "
(Nur einmal noch kehrte er in die Tschechoslowakei zurück. Er war Gast auf der Gesamtstaatlichen Nationalen Briefmarkenausstellung BRNO 1974, im Alter von 85 Jahren, lebhaft und lächelnd. Er erinnerte sich an tschechische Wörter und Sätze. Er freute sich darauf wiederzukommen, und zwar auf die Weltausstellung PRAGA 1978. Das aber erlebte er nicht mehr, ...)

Helena Hodková
im Ausstellungskatalog zur PRAGA 1998


BRNO
gestochen von Karl Seizinger

22. Oktober 1928, MiNr. 273


Nach dem Verlassen der Tschechoslowakei rissen Seizingers Verbindungen ins Protektorat nicht ab und noch während des Kriegs wagte er sich noch einmal nach Prag zurück. Zusammen mit seiner Frau besuchte er im Jahr 1944 seinen Freund Václav Fiala in dessen Haus in Støešovice. Die Verbindungen gingen endgültig erst nach dem Krieg verloren, als man ihn an den Orten seiner größten Erfolge zu vergessen begann. Ab 1948 lebte er weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit in Haarlem. Und die Tschechoslowakei, das Land, für das er den größten Teil seines Lebenswerks schuf, wollte sich nicht mehr an ihn erinnern. Nach dem Verlassen des Landes im Jahr 1938 gibt es bis in die 70er Jahre hinein über ihn in tschechoslowakischen Publikation lediglich 14 knappe biographische Halbzeilen im Buch "Tøicet let èeskoslovenské poštovní známky" (Dreißig Jahre tschechoslowakische Briefmarken) von Ervin Hirsch. Daneben erinnerte nur sein Name in Briefmarkenkatalogen an ihn. Seine besten Freunde hatten keine Nachricht von ihm, und andere, die ihn kannten, konnten oder wollten nicht über ihn sprechen. Seizinger war eine "skoro zapomenutá osobnost" (eine fast vergessene Person) , für manche sogar zur Unperson geworden und man schwieg ihn einfach tot.

Man nahm ihm übel, dass er das Land, das für ihn so viel getan hatte, in einer schwierigen Zeit verlassen hatte. Und dann war er Deutscher! Und als solcher konnte man ihn unter der kommunistischen Herrschaft während des kalten Kriegs nicht als nationales Vorzeigeobjekt gebrauchen. Diese Rolle wurde seinem Stecherrivalen Bohumil Heinz, der aus einem tschechisch geprägten Umfeld kam, zugeschrieben. Ohne die künstlerischen Leistungen genauer zu diskutieren, wurde Heinz zu einer Art Nationalheros hochstilisiert. Und als man Anfang der 70er Jahre begann, sich wieder an Seizinger zu erinnern, wurde er als Deutscher pauschal diffamiert. Rudolf Fischer schreibt, dass man ihm von staatlicher Seite gesagt habe, man könne Seizinger nicht in die Tschechoslowakei einladen. Denn: "Byl Nìmec a ryl fašistické námìty známek!"
(Er war Deutscher und stach faschistische Briefmarkenmotive!). Obwohl diese glatte Lüge einfach zu widerlegen war, blieb doch eine Menge zu tun, um Seizinger zu rehabilitieren. Dass dies in Teilen durch einen weiteren Mythos geschah, indem man Seizinger zu einem Antifaschisten erklärte, lag wohl daran, dass man auf diesem Weg die kommunistischen Behörden eher zu einer Einladung bewegen konnte, auf die Seizinger sehnlichst wartete.

Eigentlich war es Seizinger selbst, der sich in die Tschechoslowakei einlud. In seinem Artikel über seine Beziehung zu Karl Seizinger zitiert der Journalist Rudolf Fischer aus einem Brief des Meisters: "Proto Vám navrhuji, v pøípadì, že to mùžete zaøidit, pozvát mne do Prahy prostøednictvím ministerstva pošt. Byla by to to pro mne velká èest"
(Daher schlage ich Ihnen zum Beispiel vor, dass sie es veranlassen können, mich nach Prag durch Vermittlung des Postministeriums einzuladen. Es wäre dies für mich eine große Ehre). Aber es dauerte noch längere Zeit, bis man ihm Anfang Mai 1974, etwa einen Monat vor Beginn der Briefmarkenausstellung BRNO '74, tatsächlich eine Einladung vorlegen konnte. Diese offizielle staatliche Einladung kam einer Rehabilitation gleich und ermöglichte es endlich, nun auch wieder über Seizinger, sein Werk und seine Bedeutung für die Entwicklung der "Tschechischen Stecherschule" öffentlich zu diskutieren.

Im Juni 1974 hielt sich Seizinger dann mehrere Tage tatsächlich in der Tschechoslowakei auf. 36 Jahre hatte es seit seinem Verlassen des Landes bis zu diesem Wiedersehen gedauert und er musste 85 Jahre alt werden! Er besuchte die Ausstellung in Brünn, wo er für seine langjährigen Verdienste um die tschechoslowakischen Briefmarken mit einer Goldmedaille des Postministeriums ausgezeichnet wurde. Er führte viele fachliche Gespräche, vor allem mit seinem auch bereits 84jährigen Freund Jaroslav Goldschmied sowie seinem Nachfolger in der Wertpapierdruckerei, dem 77jährigen Jindra Schmidt. Er, der bereits 12 Jahre zuvor mit der Stecherarbeit aufgehört hatte, wunderte sich, dass beide in ihrem hohen Alter noch aktiv waren. Anschließend traf er in Prag alte private Freunde, bevor er am 29. Juni wieder abreiste. Es sollte sein einziger Besuch bleiben.

Karl Seizinger aber war in der Tschechoslowakei wieder entdeckt worden und endlich gestand man ihm - wenn auch zunächst etwas widerwillig - seinen verdienten Platz in der Geschichte der tschechoslowakischen Stecherkunst zu. Gekrönt wurde seine Rehabilitation schließlich durch eine Sondermarke zu seinem 5. Todestag im Jahr 1983 mit einem Bild, das von ihm auf der Brünner Ausstellung gemacht wurde. Heute sieht man in ihm mit Recht den eigentlichen Begründer der sogenannten "Tschechoslowakischen Stecherschule", ein Begriff, den Seizinger selbst als erster geprägt hat.

Titelseite * Einleitung * Biographie * Persönlichkeit * Hildburghausen * Helsingfors *
Praha I * Praha II * Praha III * Praha IV * Praha V * Praha VI *
Belgrad * Zagreb I * Zagreb II * Generalgouvernement * Haarlem * BRNO '74 * Arbeitsweise * Lebenswerk *
Briefmarken * Slide Show * Quellen