Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst



PRAHA IV
Heinz


1936: In der Tschechoslowakei verschärfen sich die Spannungen zwischen der deutschsprachigen Bevölkerung, den Sudetendeutschen, und dem tschechischen Staat. Hitler - bei den Olympischen Spielen in Berlin auf dem Höhepunkt des Erfolgs - schürt über Henleins Sudetendeutsche Partei gezielt diese Spannungen.
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Miroslav Tyrš

Briefmarke Karl Seizingers (links)
im Vergleich zu einem Stich
von Bohumil Heinz
(rechts)

entstanden nach der gleichen photographischen Vorlage
1. Februar 1933, MiNr. 318


Eine Schilderung von Karl Seizingers Tätigkeit für tschechoslowakische Briefmarken ist ohne die Erwähnung seines Stecherkollegen und Rivalen Bohumil Heinz undenkbar. Trotz des deutschen Nachnamens stammte Heinz aus einem tschechisch geprägten Umfeld und wurde so in einer Zeit nationaler Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen zum nationalen Gegenspieler des Deutschen. Während Seizinger Zeit seines Lebens im wesentlichen ein reproduzierender Künstler blieb (und auch nichts anderes sein wollte), hatte Heinz eine fundierte Ausbildung als Graphiker beim Vater der tschechischen Stecherschule Eduard Karel absolviert. Immer wieder versuchte er daher auch als freier Graphiker Erfolg zu haben. Es steht fest, dass beide nie zusammengearbeitet haben und Seizinger im Bewusstsein seiner unangefochtenen Stellung den späteren Rivalen auch weitestgehend ignorierte. Trotzdem gab es zeitweise eine Diskussion darüber, ob nicht beide doch bei einigen Briefmarken zusammengearbeitet haben, denn die Ähnlichkeit zwischen den Arbeiten beider Stecher bei zumindest zwei themengleichen Motiven ist unübersehbar.

Bis Anfang der 30er Jahre war Seizinger Position sowohl für die Postverwaltung als auch die Druckerei Unie unbestritten. Erstmals im Jahr 1932 erhielt dann sowohl Seizinger als auch Heinz gleichzeitig den Auftrag, anhand der gleichen photographischen Vorlage einen Stich für eine Marke zum 100. Geburtstag des Sokol-Gründers Miroslav Tyrš anzufertigen. Auch dies interessierte Seizinger nicht und er behielt recht, denn Heinz' etwas größer gestalteter Stich wurde abgelehnt. Und so erschien am 16. März 1932 Seizingers kleinerer Stich auf Briefmarke (MiNr. 314/315) zusammen mit einem weiteren Tyrš-Porträt nach einem Gemälde von František Ženíšek (MiNr. 316/317). Als dann aber Anfang 1933 eine weitere Tyrš-Ausgabe mit neuem Nennwert ausgegeben werden sollte, scheute sich Seizinger nicht, sich an der Heinz-Vorlage zu orientieren und "transplantierte" nun Tyrš in etwas größerem Format auf die neue Marke (MiNr. 318), was er später selbst eingestand. Die Gegenüberstellung beider Arbeiten (s. oben) verdeutlicht die verblüffende Ähnlichkeit der beiden Porträts.

Und ein weiteres Mal erhielten beide Stecher zum gleichen Thema gleichzeitig einen Auftrag, und zwar für die 1934 geplante Ausgabe zum 50. Todestag des Komponisten Bedøich Smetana. Diesmal fielen jedoch die Ergebnisse deutlich unterschiedlich aus: während Seizinger ein klassisches Porträt wählte, entschied sich Heinz für eine Lösung, die Smetana vor dem im Hintergrund abgebildeten Tschechischen Nationaltheater in Prag zeigte. Heinz legte seinen Entwurf vor und dieser wurde abgelehnt. Seizinger aber arbeitete zur gleichen Zeit an anderen Aufträgen und hielt seinen noch zurück. Als aber nach der Ablehnung von Heinz' Vorlage die Zeit drängte und angeblich nur noch Stunden zum geforderten Termin fehlten, soll Seizinger in kürzester Zeit - orientiert an dem bereits vorliegenden Heinz-Stich - sein Smetana-Porträt fertiggestellt haben, das am 28. März 1934 dann auf Briefmarke erschien (MiNr. 321). Erneut ist bei einer Gegenüberstellung die Ähnlichkeit zwischen der Lösung Seizingers (s. links) und dem Porträt-Ausschnitt aus der Vorlage von Heinz (s. rechts) frappierend. Betrachtet man sich beide Stiche jedoch genauer, so lässt sich gerade an diesem Beispiel die Unterschiedlichkeit zwischen Seizinger und Heinz sehr schön zeigen. Eindeutig ist der wesentlich "grobere", "rustikalere" und konservativere Stil Seizingers im Vergleich zur feineren und detaillierteren Ausführung von Heinz zu erkennen. Sehr klar ist das besonders an der Stirnpartie und dem Kragen des Jackets nachzuvollziehen. Gerade diese deutlich feinere Ausführung von Heinz war offenbar auch der Grund, dass die Druckerei Unie Heinz' Vorlagen zunächst ablehnte, weil man befürchtete, es würden Probleme beim Druck entstehen und die Farben verlaufen. Und so dauerte es noch bis Ende 1934, bis erstmals ein Heinz-Stich akzeptiert wurde - das Porträt Antonín Dvoøáks (MiNr. 329). Sein Smetana-Entwurf wurde schließlich nach seinem Tod posthum im Jahr 1948 doch noch für eine Briefmarke verwendet (MiNr. 578/579). Stich und Briefmarke können im Beitrag zu Bohumil Heinz betrachtet werden.

Schließlich stachen Seizinger und Heinz ein drittes Mal fast gleichzeitig das gleiche Motiv für eine Briefmarke und die Auseinandersetzung zwischen den beiden erreichte hier einen letzten Höhepunkt. Für die im Januar 1938 erschienene Ausgabe zu den Sokol-Winterspielen wurde nämlich zunächst Seizinger mit dem Stich des Entwurfs von Cyril Bouda beauftragt und es wurde sogar Probedrucke angefertigt. Vielleicht aufgrund des Ergebnisses dieser Probedrucke, vielleicht auch aus anderen Gründen durfte dann auch Bohumil Heinz einen Alternativ-Stich vorlegen. Und erstmals wurde dessen Stich der gleichen Vorlage Seizingers vorgezogen - ein Vorgang, der Seizinger sehr getroffen haben dürfte, zumal - wie sich später zeigte - die Begründung für die Bevorzugung Heinz' nicht stichhaltig war. Man begründete die Ablehnung damit, die von Seizinger gestochene Version sei für den Druck nicht geeignet, was sich später aber eindeutig widerlegen ließ und vor allem durch die existierenden Probedrucke seines Stichs dokumentiert ist. Der sich bei Seizinger angestaute Ärger über die Art und Weise, wie man hier mit ihm umging, war möglicherweise einer von mehreren Gründen, seine Tätigkeit in Prag aufzugeben und im Herbst des gleichen Jahres das Land zu verlassen.

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