Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst




PRAHA II
Švabinský


1928: Die Tschechoslowakei feiert ihr 10jähriges Bestehen. Karl Seizingers Beitrag zum Jubiläum ist eine Briefmarkenserie mit 10 Werten, aus der auch das abgebildete Masaryk-Porträt stammt.
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TomᚠGarrigue Masaryk

(erster Präsident der Tschechoslowakei)

erste Porträtbriefmarke Karl Seizingers
für die Tschechoslowakei


entstanden nach einer Photographie
unter Mithilfe von Max Švabinský
22. Oktober 1928, MiNr. 275



Als Karl Seizinger im Jahr 1924 seinen Dienst in der Prager Nationalbank begann, fand er eine erst sich entwickelnde Szene für Banknoten- und Briefmarkenstich vor. Und es war unausweichlich, dass er bei seinen Anfängen natürlich auch mit dem einflussreichen Max Švabinský zusammenkam. Švabinský hatte mit Unterstützung des großen österreichischen Stechers Ferdinand Schirnböck und des Verantwortlichen in der österreichischen Nationalbank Johann Aufreiter die Grundlage einer anspruchsvollen Banknotengraphik in der neu gegründeten Tschechoslowakei gelegt. Bei seinen eigenen ersten Versuchen mit Briefmarken musste Švabinský zusammen mit Eduard Karel leidvolle Erfahrungen machen. Vermutlich deswegen engagierte er sich in der Zeit danach persönlich sehr stark und legte großen Wert darauf, zusammen mit qualifizierten Stechern wie beispielsweise Karl Wolf und Jaroslav Goldschmied die Technik des Briefmarkenstichs auf Stahlplatten weiter zu entwickeln und zu perfektionieren.

Karl Seizinger aber scheint den großen Meister zunächst enttäuscht zu haben. Die überlieferten Äußerungen Švabinskýs über Seizinger sind meist kritisch, um nicht zu sagen negativ. Er erkannte zwar Seizingers überdurchschnittlichen zeichnerischen Fähigkeiten, ihm fiel aber auch sofort auf, dass Seizingers Vorlieben und Fähigkeiten im Stechen von Landschaftsbildern lagen, während er mit Porträts offenbar große Probleme hatte. Und da Švabinský selbst ein ausgezeichneter Porträtzeichner war (siehe seine vielen Porträtbriefmarken für die Tschechoslowakei), störte ihn dies natürlich so sehr, dass er etwas dagegen unternehmen musste. So erinnerte sich Švabinský an Seizinger u.a. folgendermaßen: "Národní banka zamìstanala jako svého rytce pana Karla Seizingera, který byl též nìjakou dobou žakem na Akademii. Nemìl znalosti konstrukce hlavy, a proto jsem pracoval s ním vìtšinou i v nedìli dopoledne, kdy jsme pøipravovali èárkovanou kresbu podobizny dr. Rašina pro rytinu bankovek, které však potom uveøejnìny nebyly"
(Die Nationalbank beschäftigte als ihren Stecher Herrn Karl Seizinger, der auch einige Zeit Schüler an der Akademie war. Er hatte nicht die Fähigkeit, einen Kopf zu konstruieren, und daher arbeitete ich persönlich mit ihm, meist am Sonntag Vormittag, als wir die Linienzeichnung eines Porträts von Dr. Rašina für den Stich von Banknoten vorbereiteten, die dann später aber nicht veröffentlicht wurden.) Wie es aussieht, gab Švabinský offenbar persönlich "Nachhilfeunterricht" bzw. überwachte persönlich Seizinger, wenn dieser Porträts zu stechen hatte. Und vermutlich war auch Seizingers im Jahr 1924 begonnenes dreijährige Studium an Švabinskýs Spezialschule für Graphik vom großen Meister veranlasst.

Jedenfalls war dieser Besuch der Schule bei der Lucerna-Passage im Zentrum Prags außergewöhnlich. Seizinger fiel dort allein schon deswegen aus dem Rahmen, weil er mehr als 10 Jahre älter war als die meisten übrigen Studenten. Darüber hinaus wusste jeder, dass er mit einer Sondergenehmigung Švabinskýs dort studierte. Und schließlich fiel auch die Sonderbehandlung Seizingers auf und natürlich auch, dass er der einzige Deutsche an der Schule war. Obwohl Seizingers Können sehr oft nicht dem hohen Anspruch seines Lehrers entsprach, wurde er doch wesentlich nachsichtiger behandelt als andere Studenten. Švabinský brauchte offenbar jemanden wie Seizinger, der bereit und in der Lage war, seine Ideen in optimaler Form in Stiche umzusetzen, was er persönlich nicht beherrschte. "Víte, Seizinger, kdybych já umìl rýt do oceli ..."
(Wissen Sie, Seizinger, wenn ich in Stahl stechen könnte ...), soll er öfters gesagt haben (den idealen Partner fand Švabinský später in Jindra Schmidt). Trotzdem sind auch aus dieser Zeit eher kritische Äußerungen Švabinskýs bzw. seines Assistenten Rambousek überliefert: "Bylo patrno, že kreslit dovedl, ale jeho kresba se mi zdála být ponìkud øemeslná, byla sice konkrétní, ale chybìla jí, jak se vyadøil Švabinský, artistnost" (Es war offensichtlich, dass er zu zeichnen verstand, aber seine Zeichnung schien mir ziemlich handwerklich zu sein, sie war zwar konkret, aber es fehlte ihr, wie sich Švabinský ausdrückte, die "Artistik"). All dies konnte nur bedeuten, dass Švabinský Seizinger offenbar gezielt in seinem Sinn ausbildete, um ihn als Nachfolger für seine bisherigen Partner Eduard Karel (Briefmarken) und Ferdinand Schirnböck (Banknoten) heranzuziehen, die beide schon in hohem Alter waren.

Irgendwann aber muss Švabinský entweder erkannt haben, dass es ihm wohl nicht gelingen würde, aus Seizinger einen in seinem Sinn perfekten Banknotenstecher zu machen, oder er nutzte die Gelegenheit, Seizinger seinen Fähigkeiten entsprechend einzusetzen, als sich 1926 die Möglichkeit ergab, Briefmarken mit Landschaftsmotiven zu stechen. Vielleicht sah aber auch Seizinger selbst seine Chance, sich aus dem dominierenden Einfluss Švabinskýs zu lösen. Er kündigte bei der Staatsbank und stach von da an als freier Mitarbeiter des Graphikinstituts Unie nur noch Briefmarken. Seine Schwäche beim Porträtstich aber blieb. Und so stach Seizinger sein allererstes Briefmarkenporträt - das oben abgebildete Motiv - auch mit Švabinskýs Unterstützung. Insgesamt gibt es unter den 60 tschechoslowakischen Briefmarkenmotiven Seizingers nur ganze 5 Porträts: zwei Masaryk-, zwei Tyrš- und ein Smetana-Porträt - und bei den letzten beiden soll er sich ebenfalls sehr stark an Vorlagen seines Rivalen Bohumil Heinz angelehnt haben (mehr dazu auf der übernächsten Seite). Im Laufe seines Berufslebens sammelte er aber auch in diesem Bereich mehr Erfahrung, denn von seinen 10 kroatischen Motiven sind immerhin die Hälfte Porträts. Insgesamt betrachtet spielen Porträt-Stiche aber nur eine äußerst untergeordnete Rolle in Seizingers Lebenswerk.

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