Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst





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PERSÖNLICHKEIT

Karel Seizinger je pøedstavitel stavu ryteckého, národnosti nìmecké, ducha èeského a srdce pražského.

Karl Seizinger ist ein Repräsentant des Stecherstands, von der Nationalität her deutsch, vom Geist her tschechisch und vom Herzen her Prager.

Rudolf Fischer

Die Abbildung ist einer Karikatur von Dr. Jan Fischer
in FILATELIE 11/1974 nachempfunden



Wer war nun Karl Seizinger? Was für ein Mensch war er? Wie wurde er von seinen Bekannten gesehen? Wir haben das Glück, dass es doch eine ganze Reihe von Beschreibungen und Beurteilungen seiner Person und seines Charakters gibt, in erster Linie von seinen tschechischen Freunden sowohl aus seiner Zeit in der Tschechoslowakei als auch von seinem einzigen Besuch dort im Jahr 1974. Da die Aussagen über ihn im wesentlichen von seinen Freunden stammen, sind sie natürlich eher positiv gefärbt. Trotzdem lässt sich aus den Beschreibungen herauslesen, dass Seizinger offenbar keine ganz einfache Persönlichkeit war. Denn es lässt sich durchaus Widersprüchliches erkennen.

Von seinem Aussehen her war er wohl eher unauffällig. Sein Freund Václav Fiala beschreibt ihn als von mittlerer Statur, dunkelhaarig, mit regelmäßigen Gesichtszügen und ausdrucksvollen Augen. Andere bemerken an ihm seine roten Wangen und ein Doppelkinn. Charakterisiert wird er auf der einen Seite als durchaus fröhlicher und offener Mensch, als ein typischer Künstler, der sehr witzig und ironisch sein konnte. Er rauchte gerne eine gute Zigarre und war manchmal auch ein wenig leichtlebig. So erlaubte er es sich auch mal, 20.000 Kronen beim Kartenspiel zu verspielen. Auf der anderen Seite wird er in seinem Auftreten eher als distanziert geschildert und "dauernd geschäftig". Den Tschechen, die Seizinger beschrieben, erschien er als ein typischer Deutscher mit entsprechend stereotypen Charakterzügen wie einem Sinn für Ordnung und Prinzipien, wie Ehrlichkeit, aber auch eine gewisse Kleinlichkeit. Zu diesem Eindruck bei Tschechen trug auch bei, dass er in den ersten Jahren keinerlei Tschechisch konnte (was im damals praktisch zweisprachigen Prag mit vielen deutschsprachigen Bewohnern kein Problem war). Er schrieb meist Deutsch und wenn er später doch Tschechisch sprach, dann tat er es nur ungern und es wurde von seinen Freunden als ein "sehr hartes" Tschechisch empfunden. Trotz seines langjährigen Aufenthalts in der Tschechoslowakei und seiner Liebe für das Land blieb er immer auch von seinen Einstellungen und Grundhaltungen her Deutscher und den Tschechen, die mit ihm zu tun hatten, eher fremd. Er hatte ein recht stolzes Wesen sowie feste Meinungen und Grundsätze. Und wenn es um berufliche Angelegenheiten ging, konnte er offenbar auch recht rücksichtslos und auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein. So verteidigte er seine quasi Monopolstellung als Briefmarkenstecher lange mit allen Mitteln.

Im Laufe seines langen, ereignisreichen und nicht immer glücklichen Lebens veränderte sich sein Wesen natürlich. Die letzte Beschreibung seiner Person stammt aus dem Jahr vor seinem Tod (1977), als er sich auf der Briefmarkenausstellung AMPHILEX mit dem tschechischen philatelistischen Journalisten Rudolf Fischer traf, der den alten Karl Seizinger mit folgenden Worten beschrieb: "Usmìvavý, stále svérázný, jednou sarkasticky, podruhé roznìžnìlý a šastný ... V hnìdém obleku a klobouku, s vìèným cigárem v ústech ... a pøece stále tragicky sám, s bøemenem osamìlosti"
(Lächelnd, immer urtümlich, einmal sarkastisch, das andere Mal sentimental und glücklich ... In braunem Anzug mit Hut, dauernd mit einer Zigarre im Mund ... und doch immer ein wenig tragisch, mit der Last der Vereinsamung).

Eine besondere Bedeutung in seinem Leben besaß für Seizinger offenbar auch seine Familie - seine Frau Elisabeth (geb. 22. März 1894), eine Berlinerin, und sein Sohn Heinz, benannt nach Seizingers Vater Heinrich. Besonders stolz war er auf seinen Sohn, den er aber trotzdem streng erzog. Eine tschechischer Artikel über Seizinger erwähnt, dass "jak to bývá èastì v nìmeckých rodinách - nechybìla tu nìjaka ta 'Ohrfeige', kterou mu otec obèas sliboval"
(wie das oft in deutschen Familien üblich war - eine 'Ohrfeige' nicht fehlen durfte, die ihm der Vater gelegentlich androhte). Mit Frau und Sohn lebte er zusammen in einer kleinen Wohnung in der Rùžová Straße in Prag unweit der Wertpapierdruckerei, für die er arbeitete. Diese Wohnung war der Mittelpunkt seines Lebens in Prag. Hier arbeitete er auch. Seine tschechoslowakischen Briefmarken entstanden auf einem kleinen Tischchen in einer Nische am Fenster seiner Wohnung. Es ist erstaunlich, dass er eine so große Menge an Briefmarken schaffen konnte, obwohl er nur drei Stunden am Tag arbeitete. So hatte er natürlich viel freie Zeit, die er für vielfältige Aktivitäten nutzte. Er scheint auch recht tierlieb gewesen zu sein, gab es doch in seinem Haushalt ein zahmes Eichhörnchen, das er "Wewerka" nannte - das tschechischen Wort ("veverka") für Eichhörnchen - und eine schwarzgraue Katze. Gekocht wurde typisch deutsches Essen, was in den vorliegenden Beschreibungen Seizingers von seinen tschechischen Freunden immer wieder angesprochen wird.

Besonders tragisch ist, dass Seizinger auch in seinem privaten Umfeld das Glück nicht hold war. Sein Sohn Heinz ging - für ihn selbstverständlich - zunächst auf ein deutsches Gymnasium in Prag. Doch gab es offenbar Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten mit der Schulleitung, so dass ihn sein Vater irgendwann das tschechische Gymnasium besuchen ließ. Später studierte er dann in Prag Innenarchitektur. Und damit stand Heinz natürlich zwischen allen Fronten. Nach wie vor mit der deutschen Staatsbürgerschaft ausgestattet, musste er zu Kriegsbeginn einrücken und fiel bereits in den ersten Kriegstagen bei Hitlers Angriff auf Polen. Es mag dahingestellt bleiben und ist letztlich auch unerheblich, ob es so ist, wie tschechische Quellen es beschreiben, dass Heinz Seizinger als "Tschechenfreund" bewusst in die vorderste Linie und damit in den Tod geschickt wurde. Lange Zeit konnte insbesondere die Mutter Elisabeth Seizinger diesen Schicksalsschlag nicht verwinden. Und schließlich mag es auch Karl Seizingers spätere etwas distanzierte Haltung zu Deutschland ein wenig mit erklären. So schreibt sein Freund Václav Fiala über diese Zeit: "Seizinger dík své pevné povaze snášel údery osudy se zaatými pìstmi a myslím, že svùj slib, že do své vlasti nevkroèí døíve, než se zbaví Hitlera, splnil."
(Seizinger ertrug die Schicksalsschläge dank seines festen Charakters mit geballten Fäusten und ich denke, dass er sein Versprechen erfüllte, seine Heimat nicht eher wieder zu betreten, bis sie von Hitler befreit sei)

Als Künstler war Seizinger besonders stolz darauf, drei Jahre lang ein Schüler des großen Max Švabinský gewesen zu sein. In Gesprächen mit ihm konnte man immer seine hohe Wertschätzung für den Meister heraushören und wie ihm Švabinský imponierte. Im stecherischen Umfeld verband ihn eine enge freundschaftliche Beziehung zu Jaroslav Goldschmied. Beide respektierten in hohem Maße die Leistungen des jeweils anderen. Und letztlich bildete auch die von Švabinský ihm vermittelte künstlerische Inspiration in Verbindung mit dem von Goldschmied kommenden handwerklichem Können die Basis für das erfolgreiche Lebenswerk Seizingers.

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