Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst



GENERALGOUVERNEMENT


1944: In Jugoslawien herrscht ein Partisanenkrieg der Anhänger Titos gegen die deutschen Besatzer. Nach der Niederlage bei Stalingrad zeichnet sich bereits das Ende des "Dritten Reichs" und seiner Satellitenstaaten wie Kroatien oder die Slowakei ab. Im Herbst erobert die Rote Armee Belgrad zurück und Tito beginnt mit der Wieder-Errichtung des jugoslawischen Staates.


Von Karl Seizinger mit Datum vom 2. Mai 1944 signierter Probedruck der Marke zu 6 gr. in 4 verschiedenen Farbvarianten
© Peter Scholle 2000

Während seines Aufenthalts in Zagreb und der Arbeit für die kroatische Postverwaltung hatte Seizinger enge Verbindung nach Wien zur dortigen Staatsdruckerei, bei der seine kroatischen Marken gedruckt wurden. Und durch diese Verbindung kamen die wohl ungewöhnlichsten und interessantesten Seizinger-Briefmarken zustande, die zwar nie offiziell erschienen sind, trotzdem aber im Michel-Katalog mit den Nummern I bis III und AI aufgeführt sind - ein Satz mit vier Werten für das Generalgouvernement, die Postverwaltung des Deutschen Reiches in Polen. Die Motive gehen auf Entwürfe von Erwin Puchinger (1876-1944) zurück. Puchinger war damals Professor und zeitweilig Leiter der "Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt" in Wien und arbeitete gelegentlich für die Staatsdruckerei. Als Vertreter der sog. "Wiener Sezession" war er neben Gustav Klimt oder Koloman Moser einer der bedeutenden Vertreter der österreichischen Art-Nouveau- bzw. Art-Déco Bewegung. Sein Werk umfasst Landschaftsbilder, Karikaturen und vor allem Gebrauchsgraphik (z.B. Postkarten). Später konzentrierte er sich stark auf Inneneinrichtung und Design. Von Puchinger stammt auch ein Briefmarkensatz mit 12 Bildern von polnischen Städten für das Generalgouvernement, der im August/September 1940 erschienen ist. Die vier unveröffentlichen, von Seizinger gestochenen Marken dürften zu den letzten Werken Puchingers als Künstler gehören.

Die von Seizinger gestochenen Marken sollten am 10. Mai 1944 erscheinen. Die ersten bekannten Probedrucke der Ausgaben legte Seizinger offenbar am 2. Mai 1944 der Postbehörde bzw. der Druckerei vor; das von Seizinger persönlich signierte Blatt ist oben abgebildet. Es ist also anzunehmen, dass die Entscheidung für den Druck der Marken innerhalb weniger Tage vor dem geplanten Erscheinungstermin gefallen ist. Darüber hinaus sind eine ganze Reihe von weiteren Probedrucken in die Hände von Sammlern gelangt, die einige Stufen der Entstehung der Marken gut dokumentieren. Die gedruckten Briefmarken selbst kamen aber nicht mehr in den Postverkehr und sind heute nur für teures Geld zu haben. Seizinger selbst behielt eine ganze Reihe von Probedrucken dieser Marken in seinem Besitz, als er Jugoslawien nach dem Krieg verlassen musste. Probedrucke von zwei dieser Marken fügte Seizinger (neben drei unveröffentlichten Probedrucken kroatischer Marken) im Jahr 1947 seiner Bewerbung für die Firma "Joh. Enschedé en Zonen" in Haarlem bei und schreibt dazu auch, warum gerade er mit der Ausführung der Arbeit betraut wurde:


Ausserdem lege ich noch einige Stichproben bei, u.a. zwei vom 'Generalgouvernement', die ich in Agram für die Wiener Staatsdruckerei für die bekannte Göbbelmaschine in Darmstadt gestochen habe. Die Arbeiten wurden von mir ausgeführt, weil die Wiener Stecher für das Transferverfahren und für den reinen Stahlstich keine ausreichenden Erfahrungen besassen."
(Originalschreibweise Seizingers, beispielsweise verwendet er die alte Bezeichnung "Agram", wenn er von Zagreb spricht, und verwendet häufig "ss", wenn im Deutschen normalerweise ein "ß" geschrieben wird.)

Seizinger selbst bestätigt also in diesem Brief, dass er die Marken in Zagreb im Auftrag der Wiener Staatsdruckerei gestochen hat. Unklar erscheint jedoch der Hinweis auf die "Göbbelmaschine in Darmstadt". Heißt dies vielleicht, dass die Marken nicht - wie bisher angenommen - in Wien, sondern in Darmstadt gedruckt wurden? Eine der vielen Fragen, die sich um diese Briefmarken drehen.

So stellt sich beispielsweise auch die Frage, warum die fertig gedruckten Briefmarken nicht mehr in den Verkehr gelangten. Vermutlich dürfte es aber die Kriegslage in Polen gewesen sein, die es nicht mehr möglich machte, die Ausgaben von Wien aus in das Ausgabegebiet zu bringen. Dass überhaupt Briefmarken dieser Ausgaben in Sammlerkreise gelangten, liegt daran, dass in den Wirren nach der Besetzung Wiens durch die Alliierten sämtliche Unterlagen dieser Ausgabe - nicht nur die Marken selbst, sondern auch eine Reihe von Probedrucken und vermutlich auch die Druckplatten - offenbar aus der Staatsdruckerei entwendet wurden und später nach und nach und ab 1970 sogar in größerem Umfang in Sammlerkreisen wieder auftauchten. Offenbar hatte ein Philatelist aus den Reihen der amerikanischen Besatzer den Wert dieser Ausgaben erkannt und ein Geschäft daraus gemacht. Denn nur wenige der bekannten Exemplare stammen aus Seizingers eigenem Besitz.

Vieles weitere im Zusammenhang mit dieser Briefmarkenausgabe ist auch heute noch ungeklärt, beispielsweise, warum die grüne Marke zu 12gr nur ungummiert existiert. Besonders die verschiedenen Probedrucke werfen viele Fragen auf. Es wird sicherlich noch viel um diese außergewöhnlichen Seizinger-Marken geforscht und geschrieben werden.


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Vielen Dank an Peter Scholle für die Erlaubnis, Bilder von seiner Seite zu verwenden, auf der er sich ausführlich mit der Geschichte dieser Briefmarken beschäftigt. Auch einige der oben von mir beschriebenen Sachverhalte beruhen auf Informationen aus Peters Artikel.