Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst



PRAHA VI
Abschied


1939: Karl Seizinger hat die Tschechoslowakei bereits verlassen, als Hitler im März auch den Rest des tschechischen Landesteils besetzt und in Prag Einzug hält. Mit der Unabhängigkeitserklärung der Slowakei, der Errichtung des Protektorats "Böhmen und Mähren" und der Besetzung der Karpathen-Ukraine durch Ungarn ist das Ende der Tschechoslowakei besiegelt.
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"Jedu pryè, do Prahy se nevrátím, a si to tam dìlá kdo chce."
(Ich gehe weg, nach Prag kehre ich nicht zurück, es soll das Zeug dort machen, wer will.)

Karl Seizinger 1938
(nach seiner Abreise aus Prag)

* * *

Als Hitler den Vorstoß nach der Tschechoslovakei vornahm, verließ ich Prag freiwillig, um nicht für das Protektorat zu arbeiten.

Karl Seizinger 1947

(in seiner Bewerbung für Enschedé en Zonen)



Eines der großen Rätsel in Karl Seizingers Biographie ist das plötzliche Verlassen der Tschechoslowakei im Jahr 1938 und das Aufgeben seines geregelten Lebens in Prag, wo er - nach seinen eigenen Angaben - die besten Jahre seines Lebens verbrachte. Dieses Ereignis fiel in die Zeit des Münchener Abkommens, in dem Hitler von den europäischen Mächten das Sudetenland zugesprochen wurde. Was liegt also näher, als Seizingers Abreise nach Belgrad damit in Verbindung zu bringen und diese mit seiner Opposition gegen die Nazis zu erklären. Es gibt aber auch eine ganze Reihe Hinweise, die für andere Gründe sprechen. Von Seizinger selbst gibt es zwei Aussagen (siehe oben), die ebenfalls verschiedene Interpretationen zulassen. Jedenfalls scheint mir, dass dieser Entschluss Seizingers vermutlich vielschichtiger war, als man es in der Literatur liest.

Beginnen wir mit den Fakten. Fest steht, dass Seizinger die Tschechoslowakei im Herbst 1938 - vermutlich im Oktober oder November - verließ, also nach dem Münchener Abkommen, das am 30. September abgeschlossen wurde, und nach dem Einmarsch der Wehrmacht ins Sudetenland am 1. Oktober. Spätestens im November war Seizinger bereits in Belgrad, von wo er am 24.11.1938 eine Karte nach Prag schrieb. Die Umstände seiner Abreise deuten darauf hin, dass er das Land nicht überstürzt oder gar in Panik verließ, sondern dass er den Entschluss für diese weitreichende Entscheidung sicher wohl überlegt gefasst hat. Dafür spricht auch, dass er in Belgrad sehr bald eine Beschäftigung hatte, was er vermutlich bereits von Prag aus vorbereitet hatte. Auch Absprachen mit seinem Kollegen Goldschmied, dass ihn dieser bei der Aufbau seiner neuen Existenz in Belgrad mit der Beschaffung von Graphikmaterial unterstützen solle, sprechen für eine genaue und langfristige Planung seines Vorhabens. Es ist also ziemlich sicher, dass er sich bereits vor dem Münchener Abkommen für die Abreise entschloss, wie auch Rudolf Fischer behauptet: "K tomtu rozhodnutí dospìl ještì pøed Mnichovem."
(Zu dieser Entscheidung kam er bereits vor München). Damit ist aber auch mehr als wahrscheinlich, dass es weniger politische Gründe waren, die ihn zum Verlassen der Tschechoslowakei brachten. Denn wenn der Entschluss bereits vor München fiel, wie war Seizinger - als eher unpolitischer Mensch - bereits zu diesem Zeitpunkt in der Lage, die weitere politische Entwicklung so gut abzuschätzen? Konnte er - wie sein zweites oben angeführtes Zitat behauptet - bereits jetzt absehen, dass er möglicherweise "für das Protektorat" arbeiten müsste, das erst nach der Besetzung der Rest-Tschechei im März 1939 entstand? Mir persönlich erscheint dies sehr unwahrscheinlich, zumal man damit Seizinger zu einem politisch engagierten Menschen hochstilisieren würde, in einzelnen Quellen wurde er sogar zu einem "Antifaschisten" gemacht. Dies war er sicherlich nicht.

Er war kein Freund der Nazis, aber auch kein Widerstandskämpfer und schon gar kein Antifaschist, denn wie hätte er sonst jahrelang unter dem autoritär-faschistischen System von Ante Paveliæ in Kroatien leben und sich dort sehr wohl fühlen können? Oder wie hätte er im Jahr 1944 seinen Freund Václav Fiala im Prag des Protektorats besuchen können, wenn er sich vor den Nazis nicht sicher fühlte? Die politische Entwicklung der späten 30er Jahre hat er mit seinen tschechischen Freunden diskutiert und mit Besorgnis beobachtet, zumal er offenbar auch Probleme mit deutschen Institutionen in der Tschechoslowakei hatte. Leider finden sich in den mir bisher zugänglichen Quellen nur Andeutungen hierüber. So hatte er offenbar Konflikte mit der Leitung des deutschen Gymnasiums in Prag, das sein Sohn Heinz besuchte. Er schickte den Sohn daher auf ein tschechisches Gymnasium, wo dieser gut Tschechisch lernte und sich in das tschechische Leben gut integrierte. Dies und seine eigene jahrelange Zusammenarbeit mit dem tschechoslowakischen Staat hätte ihm später unter deutscher Verwaltung sicherlich gewisse Schwierigkeiten eingebracht. Auch scheint er eine Gefahr von Seiten der deutschen Botschaft in Prag gesehen zu haben, die offenbar Nachforschungen über seine Beziehungen zu deutschen Emigranten und Juden in Prag anstellte. Bestimmt beunruhigte ihn dies alles und ließ ihn nachdenken über sein eigenes Verhältnis zu Deutschland. Aber im September 1938 bedeutete es für ihn noch keine unmittelbare Gefahr, so dass ich der Meinung bin, dass noch weitere Gründe hinzukommen mussten, um bereits zu diesem frühen Zeitpunkt einen solch weitreichenden Entschluss zu fassen.

Denn Seizinger hatte nicht nur mit der deutschen Seite in dem damaligen Konflikt in der Tschechoslowakei Probleme, auch umgekehrt war sein offen gezeigtes Deutschtum bei der tschechischen Seite nicht ganz unproblematisch. Schon lange hatte er seine Monopolstellung als Stecher für tschechoslowakische Briefmarken verloren und mit Bohumil Heinz war ihm ein Rivale entstanden, den die tschechische Seite immer häufiger bevorzugte und als "nationale" Gegenfigur zu Seizinger aufbaute. Immer öfter erhielt dieser den Vorzug bei Aufträgen. Und sicher ärgerte es den selbstbewussten Karl Seizinger, dass auch die Kritiker Heinz und dessen Arbeit immer häufiger in den höchsten Tönen lobten und die künstlerische Rivalität zwischen Seizinger und Heinz als ein symbolhaftes Beispiel des deutsch-tschechischen Konflikts der damaligen Zeit interpretierten. Selbst persönliche Anfeindungen und Neid scheinen in diesem Zusammenhang nicht gefehlt zu haben. Und es ist sicher kein Zufall, dass Anfang des Jahres 1938 erstmals ein Stich seines Rivalen mit fadenscheinigen und später widerlegten Begründungen seiner vergleichbaren Ausführung des gleichen Motivs - Cyril Boudas "Sokol-Motiv" - vorgezogen wurde. Dies muss der von sich selbst überzeugte Seizinger als persönliche Kränkung empfunden haben. Dass diese geringer werdende Wertschätzung seiner Arbeit durch die tschechoslowakische Postverwaltung, die mangelhafte Würdigung seiner Verdienste um die tschechoslowakische Briefmarkenkunst und die nationalistisch gefärbten Lobeshymnen auf Heinz mit zu seinem Entschluss beigetragen haben, belegt nicht nur das erste oben angeführte Zitat, das er auf seiner Reise nach Belgrad bei einem Zwischenaufenthalt in Bratislava gegenüber einem Zeitzeugen äußerte. In einem Artikel der Zeitschrift FILATELIE (11/1974) lässt dieser Zeitzeuge Seizinger weiter berichten, "v Praze prý to není k vydržení, bližšího nic neøekl, ale zlobil se na pražskou poštu. Snad to byla nespokojenost s konkurencí, která vždy více narušovala jeho døívìjší monopolní postavení"
(in Prag sei es angeblich nicht zum Aushalten, Näheres sagte er nicht, aber er ärgerte sich über die Prager Post. Vielleicht war es die Unzufriedenheit mit der Konkurrenz, die immer mehr seine frühere Monopolstellung störte). Auch wenn vermutlich die tatsächlichen Gründe für Seizingers Entschluss, Prag zu verlassen, nie eindeutig geklärt werden dürften, so ist doch nicht unwahrscheinlich, dass es eine Mischung aus politischen Befürchtungen, mehr aber noch persönlicher Unzufriedenheit über seine berufliche Situation und künstlerische Perspektive war. Fest steht meiner Meinung nach auch, dass ihm dieser Entschluss sehr schwer gefallen sein muss, wahrscheinlich hat er ihn später desöfteren bereut.

Gern wäre er wieder nach Prag zurück gekehrt. Er musste jedoch mehr als 35 Jahre warten. Bis heute ist letztlich ungeklärt, warum nach der Wiedererrichtung der Tschechoslowakei niemand an Seizinger herangetreten ist, um ihn - nicht zuletzt auch aufgrund seiner früheren Bedeutung - erneut für eine Arbeit in Prag zu gewinnen. Aus der Literatur über Seizinger lässt sich wenig dazu ableiten, denn man schwieg ihn nach dem Krieg von offizieller Seite her einfach tot. Fast schien es, als hätte es die Ära Seizinger in der Geschichte tschechoslowakischer Briefmarken nie gegeben. Und wenn sich jemand - wie z.B. der philatelistische Journalist Ervín Hirsch - zu ihm äußerte, dann war die früher positive Meinung über Seizinger einer sehr kritischen Einstellung gewichen. Es ist gibt aber Hinweise, dass der Hindernisgrund seine deutsche Staatsbürgerschaft war. Nachdem man in den Jahren 1945 und 1946 die Deutschen in der Tschechoslowakei enteignet und des Landes verwiesen hatte, hätte es sicher nicht ins Bild gepasst, wenn man zur gleichen Zeit einen Deutschen wieder zurückgeholt und ihn dazu noch an einer so symbolhaften Stelle wie der Nationalbank oder der Staatsdruckerei angestellt hätte und schon gar nicht, wenn man einen Deutschen als Gründer der "Tschechischen Stecherschule" hätte nennen müssen. Dieses Desinteresse an seiner Person hatte wahrscheinlich auch Seizinger über seine noch existierenden Kontakte nach Prag erkannt, als er sich im Juli 1947 in Haarlem bewarb. Und als schließlich im Februar 1948 die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei übernahmen, dürfte sich auch für ihn das Tor nach Prag endgültig geschlossen haben. Aber zu diesem Zeitpunkt war es fast schon sicher, dass er künftig in Holland seinen Arbeitsplatz haben würde.


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Auf der Seite oben ist Seizingers letzte Briefmarke für die Tschechoslowakei zu sehen.