Die Briefmarkengalerie tschechischer und slowakischer Graphik-Kunst

TSCHECHISCHE KÜNSTLERGRUPPEN
DES 20. JAHRHUNDERTS

Filla-Bild Zaloval

Žaloval sa pták ptákovi
(Ein Vogel beklagt sich beim Vogel)

von Emil Filla (1882-1953)
Öl auf Leinwand, 129x97 cm aus dem Jahr 1939
Oblastní galerie výtvarného umìní, Zlín (früher: Gottwaldov)

(Regionalgalerie der bildenden Kunst, Zlin)
Briefmarkenausgabe aus dem Jahr 1982, MiNr. 2696
Sima-Bild

Revoluce v Španìlsku
(Revolution in Spanien)

von Josef Šima (1891-1971)
Öl auf Leinwand, 124x79 cm aus dem Jahr 1937
Národní galerie Praha

(Nationalgalerie Prag)
Briefmarkenausgabe aus dem Jahr 1982, MiNr. 2692



Die bildende Kunst der Tschechoslowakei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und damit vor allem in der Zeit der sogenannten "1. Republik" von 1918-1938 ist in hohem Maße geprägt von einzelnen Künstlergruppen, die sich lose und für eine bestimmte Zeit zusammenschlossen, um ihre gemeinsamen künstlerischen Ideen durch gemeinsame "Kunstphilosophien" und in gemeinsamen Ausstellungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Nicht gemeint sind mit der Bezeichnung "Künstlergruppen" die großen Künstlervereinigungen, die eine feste Organisation hatten und teilweise bis heute noch bestehen. Zu den letzeren sind vor allem drei Organisationen zu zählen:

* die legendäre Umìlecká beseda (Künstlerisches Gespräch) am Ende des 19.Jahrhunderts, die zum Vorbild für alle weiteren Kunstorganisationen der späteren Tschechoslowakei wurde und die v.a. mit dem Namen MikolᚠAleš verbunden ist.

* die SVU Mánes, die Organisation der bildenden Künstler in der Tschechoslowakei, die auch heute noch das Kunstleben der Tschechischen Republik maßgeblich prägt, benannt nach dem Maler Josef Mánes

* die SÈUG Hollar, die Organisation der Graphikkünstler in der Tschechoslowakei, benannt nach dem böhmischen Kupferstecher Václav Hollar, aus deren Reihen die meisten der tschechischen Briefmarkenkünstler stammen, die in dieser Galerie vertreten sind.

Im folgenden werden hier einige der Gruppen kurz skizziert, die in der Kunstwelt bekannt und geachtet sind und teilweise sogar eine Weltbedeutung erreicht haben. Einzelne Künstler dieser Gruppen sind dann in der Galerie vertreten und zeigen in Beispielen den Stil der jeweiligen Gruppe. Die Künstler können entweder von diesem Beitrag aus über einen link erreicht werden. Es ist aber auch möglich, in die Galerie zurückzugehen und von dort aus die entsprechenden Seiten auszusuchen.

Emil Filla und die Gruppe "Osma"

Die Anfänge der modernen tschechoslowakischen Kunst und Malerei ist untrennbar verbunden mit dem Namen Emil Filla und einer Künstlergrupe, die sich Osma (Die Acht) nannten. Im Frühjahr des Jahres 1907 trat diese Gruppe aus acht jungen tschechischen Künstlern unter der Führung von Emil Filla erstmals mit einer Ausstellung an die Öffentlichkeit, blieb aber weitestgehend unbeachtet. Erst im Sommer desselben Jahres erreichten sie durch eine weitere Ausstellung größere Aufmerksamkeit. Neben Filla gehörten u.a. die Tschechen Otakar Kubín und Antonín Procházka, aber auch deutschstämmige Künstler wie beispielsweise der Maler Willi Nowak (1886-1977) der Gruppe an. Der führende Künstler der Gruppe, Emil Filla, wurde am 4. April 1882 in Chropynì geboren und starb am 7. Oktober 1953 in Prag. Ein Beispiel aus seinem Schaffen ist auf der obigen Briefmarke zu sehen und verdeutlicht den typischen Stil dieser Gruppe, der mit expressiven Ausdrucksmitteln ein bedrückendes Lebensgefühl durch klare Farben zum Ausdruck brachte. Schwierige Existenzverhältnisse führten dazu, dass sich die Gruppe relativ bald auflöste. Einige der Künstler fanden sich dann etwa ab dem Jahr 1911 in einer neuen Künstlergruppe wieder, die im nächsten Abschnitt beschrieben wird.

Tvrdošíjní

Die Anfänge dieser Gruppe gehen bis ins Jahr 1911 zurück, als sich ehemalige Mitglieder der "Osma" in der Tradition dieser Gruppe wieder zusammenfanden, sich jedoch stärker am Kubismus orientierten. Der 1. Weltkrieg verhinderte zunächst ein stärkeres Bekanntwerden der Gruppe. Erst im letzten Kriegsjahr formierte sich die Gruppe endgültig im Umfeld der Zeitschrift Èerven (Juni) und deren Herausgeber S. K. Neumann (1875-1947), der sich zum großen Theoretiker der Gruppe entwickelte und auch deren künstlerisches Manifest formulierte. Zur Gruppe gehörten u.a. so bekannte Namen wie Josef Èapek, Jan Zrzavý, Václav Špála oder Rudolf Kremlièka. Der für Deutsche zungenbrecherische Name, der übersetzt "Die Hartnäckigen" bedeutet, soll daher kommen, dass ein Mitglied der Gruppe angesichts der Besucher der ersten Ausstellung der Gruppe ausgerufen haben soll: "A pøece! Nìkolik tvrdošíjných!" (Und trotzdem! Einige Hartnäckige!). Zunächst beeinflusst vom Kubismus entwickelte sich hier zum erstenmal ein eigenständiger tschechischer Stil, der nicht ohne weiteres in die großen europäischen Kunstrichtungen diesen Jahrhunderts einordnen lässt.

Devìtsil

Die Gruppe Devìtšil (Pestwurz) wurde am 5. Oktober 1920 gegründet. Es handelte sich hier um eine Gruppe, der neben den bildenden Künstlern auch Schriftsteller angehörten. Neben Vladislav Vanèura war der wohl bekannteste von ihnen der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1984 Jaroslav Seifert (1901-1986). Im Mittelpunkt der Beschäftigung der Gruppe standen in erster Linie soziale und gesellschaftskritische Themen, orientiert am Sozialismus und den Ideen der Russischen Oktoberrevolution. Als führender Kopf und Theoretiker der Gruppe kristallisierte sich bald der Kunstkritiker Karel Teige heraus, dessen Artikel und Manifeste in einer Reihe von ihm herausgegebener Zeitschriften in den 20er und 30er Jahren maßgeblich die tschechische Kunst beeinflussten. In der Galerie sollen Bilder zweier Künstler - František Muzika und Adolf Hoffmeister - diese Gruppe repräsentieren. Um 1929 änderte sich die stilistische Ausrichtung der Gruppe in Richtung eines sogenannten "Poetismus", fand ihren Niederschlag auch im Theaterleben (das sog. "Befreite Theater" u.a. von Jan Werich) und gipfelte im Jahr 1932 in einer internationalen Ausstellung mit dem Titel "Poezie".

Artifizialismus und die Prager "Surrealistická skupina"

Den wohl größten Einfluss auf die europäische Kunst übten Jindøich Štyrský und Toyen (eigentlich Marie Èermínová) aus. Unter der Bezeichnung Artifizialismus entwickelten beide eine Kunstrichtung, die ein wesentlicher Bestandteil des europäischen Surrealismus wurde. Zusammen mit Josef Šima (1891-1971) gründeten sie am 21. März 1934 die erste tschechische surrealistische Künstlergruppe. Die künstlerischen Grundsätze der Gruppe leiteten sich her aus den Erfahrungen, die alle drei während langjähriger Aufenthalte in Frankreich sammeln konnten. Šima beschreibt die Philosophie der Gruppe als "emotionales Engagement, Erregung, Sympathie, im Zusammenhang mit Dingen, die man benennen, aber nicht erklären kann, als eine Imagination, die so groß, so genau und so unfassbar ist wie in einem Traum". Die Bilder von Štyrský und Toyen in der Galerie und das oben dargestellte Bild Šimas verdeutlichen diesen Stil.

Sedm v øíjnu

Kurz nach Beginn des 2. Weltkriegs trat im Oktober 1939 eine neue Künstlergruppe unter der Bezeichnung Sedm v øíjnu (Sieben im Oktober) in Prag mit einer eigenen Ausstellung an die Öffentlichkeit. Zu ihr gehörten u.a. die jungen Künstler Josef Liesler und Zdenìk Seydl. Orientiert am Expressionismus und an Vorbildern wie Goya und Daumier vertraten sie eine Kunstphilosophie des "Neuen Humanismus", den vor allem Pavel Kropáèek (1915-1943), der Theoretiker der Gruppe, formulierte. Mitten im Krieg löste sich die Gruppe im Herbst 1941 wieder auf.

Skupina 42

Die letzte der großen tschechischen Künstlergruppen entstand mitten im Krieg, unmittelbar nach der Zerstörung des Dorfes Lidice durch die deutsche Besatzung im Jahr 1942 (daher der Name). Als künstlerisches Leitmotiv stand für die Gruppe das Motto "Svìt, v nemž žijeme" (Die Welt, in der wir leben) im Vordergrund. Orientiert am Kubismus und Futurismus vertrat sie eine äußerst positive Sicht der modernen Welt, der Technik und des Lebens in der Großstadt. Als Theoretiker traten vor allem Jindøich Chalupecký und Jiøí Kotalík in Erscheinung. Nach dem Krieg arrangierten sich einige der führenden Vertreter dieser Gruppe wie František Gross und František Hudeèek mit dem kommunistischen System und wandten sich einem sozialistischen Realismus zu, was sich auch in vielen Briefmarkenausgaben nach Entwürfen beider Künstler erkennen lässt.